Erste
Klas-
sen-
arbeit
in der
HH2b
Schul-
jahr
2005/
2006
|
Lese bitte den folgenden Text von
Torsten Riecke
und löse bitte die nachfolgenden Aufgaben.
| Ricardo hat Recht Die
Globalisierung hat den Wahlkampf erreicht
und ist dabei gleich unter die
Räder gekommen. Nichts erhitzt derzeit
die Gemüter mehr als die Verlagerung von
Jobs in Billiglohnländer. Politiker der
großen Parteien überbieten sich mit
protektionistischen Aktionen, um das
Outsourcing zu stoppen. Ein Bundesgesetz
droht, nach dem Staatsaufträge nur noch
im Inland ausgeführt werden dürfen.
Der Grund für die kopflose Hysterie
sind nicht nur die Millionen
Arbeitsplätze, die in den vergangenen
Jahren in der Industrie verloren gingen.
Schwerer wiegt, daß die Wirtschaft
bislang nicht genügend neue Jobs
schafft.
Das Phänomen der Verlagerung von
Arbeitsplätzen in Billiglohnländer ist
so alt wie der Freihandel. Richtig ist,
daß Tempo, Breite und Tiefe dieses
Trends im Zuge der Globalisierung
deutlich zugenommen haben. Kapital,
Technologien, Ideen und damit auch
Arbeitsplätze lassen sich oft mit
einem Mausklick verschieben. Betroffen
sind nicht mehr nur Industriearbeiter,
sondern auch Softwareentwickler,
Radiologen und Finanzanalysten. Mit
anderen Worten: Nicht nur die
Blaumänner, sondern auch die
Dienstleister im weißen Kragen müssen
sich der Billigkonkurrenz stellen. Das
gilt übrigens für alle
Industrieländer.
Der englische Ökonom David Ricardo
hatte vor mehr als 200 Jahren
nachgewiesen, daß alle Länder davon
profitieren, wenn sich jede Nation auf
ihre wirtschaftlichen Stärken
konzentriert und den Rest im Ausland
einkauft. Diese Erkenntnis wird nun
vehement angezweifelt.
Doch wissenschaftliche Untersuchungen
zeigen übereinstimmend, daß Ricardo
auch heute noch Recht hat. Was den
Industrieländern an (Billig-)
Arbeitsplätzen verloren geht, bekommen
sie mehr als zurück: Importierte
billigere Computer etwa führen zu
vermehrtem IT-Einsatz, die resultierenden
Produktivitätsgewinne zu neuen Jobs.
Daran sollten alle denken, wenn das Thema
wieder hochkocht.
Nach: Torsten Riecke,
Handelsblatt, Nr. 040, 26.02.04, 1
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Aufgabe 1: (10 Punkte)
Warum werden Arbeitsplätze in Billiglohnländer
verlagert? |
| Niedrigere Löhne einschließlich
der Lohnnebenkosten bedeuten niedrigere
Produktionskosten. Da in Billiglohnländern die
Ersparnis bei den Lohnkosten höher ist als die
Erhöhung der Transportkosten, können die
Unternehmen durch die
Produktionsverlagerung höhere Gewinne
erzielen. Außerdem kann die Produktion im
Ausland vorteilhafter sein, weil
- kaum Kündigungsschutz besteht und daher
die Lohnkosten der Produktion angepaßt
werden können,
- weniger Steuern abgeführt werden
müssen,
- Rohstoffe und Vorprodukte billiger
eingekauft werden können,
- weniger Dirigismus (= Eingriffe des
Staates in das unternehmerische Handeln)
herrscht.
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Aufgabe 2: (10 Punkte)
Wie versucht die Politik dem entgegen zu steuern? |
- Vergabe von Staatsaufträgen nur im
Inland
- Verringerung der Lohnkosten im Inland
- Erheben von Schutzzöllen
- Importbeschränkungen
- Verbesserung der Infrastruktur
- Verbesserung der Mitarbeiterqualifiaktion
- Lockerung des Kündigungsschutzes
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Aufgabe 3: (10 Punkte)
Warum profitieren nach Ricardo
alle Länder vom Freihandel?
(Hinweis: Berücksichtige bei der Beantwortung
der Frage die Allokationsfunktion
des Marktes.) |
| Durch den Freihandel ergibt sich
weltweit ein Marktpreis für jedes Gut. Im
Vergleich mit allen anderen Ländern wird daher
in jedem Land nur das Gut produziert, was dort am
effizientesten hergestellt werden kann, weil die
zum Zuge kommenden Anbieter gerade noch Gewinn
erzielen. Selbst einschließlich der
Transportkosten werden somit die Ressourcen
weltweit am sinnvollsten verwendet. Gleichzeitig
muß jedes Land für die Bereitstellung der
Güter den geringsten Aufwand betreiben. Damit
wird der Wohlstand jedes Landes bestmöglich
gefördert. Eine weitere Überlegung: Dürften
die Unternehmen nur im Inland verkaufen, dann
würden sie bei Marktsättigung insovent werden.
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Aufgabe 4: (10 Punkte)
Beurteile die Analysen Ricardos.
Stelle dazu als erstes Deinen
Beurteilungsmaßstab dar. |
| Mein Beurteilungsmaßstab ist
eine pareto-optimale Versorung
jedes Menschen auf diesem Planeten. Daraus leitet
sich insbesondere die Minimierung des
Ressourcenverbrauchs ab. Wirklicher Freihandel
würde dieses Ziel garantieren, wenn
- die Wirtschaftssubjekte als homo
oeconomicus handeln würden - oder besser
noch - alle mein oben genanntes Ziel
verfolgen würden, denn dann würde z. B.
der Verkauf verdorbenen Fleisches oder
anderer nicht brauchbarer oder
überflüssiger (= ohne Nutzen seiender)
Güter unterbunden sein,
- sich alle Staaten auf gleichem
Entwicklungsniveau befänden,
insbesondere vergleichbare
Kapitalausstattungen vorhanden wären
(also z. B. die Verschuldung der Dritten
Welt nicht existieren würde).
Beide Voraussetzungen sind in der Realität
nicht erfüllt, daher kann das von Ricardo
vorausgesagte Gleichgewicht bei höchstem
Wohlstand aller Nationen nicht eintreffen. Mit
anderen Worten: Es wird
beim Freihandel immer "Gewinner" und
"Verlierer" geben.
Antworten
von Schülerinnen und Schülern
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Aufgabe 5: (10 Punkte)
Teilst Du die Auffassung Rieckes,
daß Ricardo auch heute noch Recht hat? Begründe
bitte Deine Meinung. |
| Teilsteils. Der Wettbewerb
unter den Ländern existiert trotz
verschiedenster protektionistischer Maßnahmen
einzelner Länder sicherlich, sonst würden
Globalplayer (= weltweit tätige Unternehmen)
nicht so problemlos Produktionsverlagerungen
vornehmen.
Andererseits ist die Produktion z. T.
standortgebunden bzw. standortabhängig (z. B.
der Einzelhandel, die Gastronomie), in anderen
Regionen mit Qualitätseinbußen verbunden (z. B.
die Produktion der ersten Honda
Legend Limousine bei Rover in England),
administrativ schwierig, unsicher (etwa aufgrund
der politischen Lage), langfristig aufgrund der
Transportkosten doch zu teuer (vgl. die von-Thünenschen-Kreise). Es
gibt sicherlich weitere Gründe, warum
Unternehmen die Verlagerung der Produktion ins
Billiglohn-Ausland scheuen.
Und andererseits besteht ein struktureller
Unterschied zwischen den Wettbewerbern: Als
Standort-Anbieter im Hinblick auf Lohnkosten,
Abgaben, politische Stabilität usw. konkurrieren
Länder bzw. Städte miteinander, deren Einfluß
auf diese Parameter mindestens mit Timelags
verbunden ist, wenn nicht gar gar kein Einfluß
existiert, während sich die Nachfrage-Seite auf
diesem Standort-Markt aus zentralisitisch
organisierten, vernetzten und damit bestens
informierten und schnell reagierenden weltweit
tätigen Unternehmen zusammensetzt.
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Aufgabe 6: (10 Punkte)
Angenommen, Ricardos Analysen träfen zu.
Warum führt das in der heutigen Zeit (im Jahre 2005) zum
Abbau von Arbeitsplätzen in den
Industrieländern, wo doch nach Riecke
die Industrieländer für die verlorenen
Arbeitsplätze mehr zurück erhalten? |
| Nach dem Motto "die Geister,
die ich rief, werde ich nun nicht mehr los"
nutzen die Billiglohnländer die strukturellen
Unterschiede zwischen Anbieter und Nachfrager auf
dem Standort-Markt (siehe Aufgabe 5) zu ihren
Gunsten aus, indem sie den Globalplayern die
gewünschten Rahmenbedingungen mit z. T.
protektionistischen Mitteln schaffen und damit
die Produktion in ihr Land holen. Sie schlagen
die Industrienationen mit den eigenen Mitteln,
denn das was bisher die ideologische Grundlage
der Freihandels-Theorie verdeckte, nämlich die
mindestens ebenso schnelle Schaffung neuer,
höherqualifizierter Arbeitsplätze in den
Industrieländern bei der Verlagerung von
minderqualifizierten Arbeitsplätzen in
Billiglohnländer, gilt heute nicht mehr. Gründe
dafür sind vor allem das kurzfristige Denken der
Handelnden bei den Globalplayern (= kurzfristige
Gewinnmaximierung = share-holder-value) und
fehlende Innovation (Beispiel: ein anderes Auto
ist keine andere Art der individuellen
Fortbewegung). |
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