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Zweite
Klas-
sen-
arbeit
in der
HH1b
Schul-
jahr
2006/
2007

Ergebnisse

Aufgabe 1: (3 Punkte)
Definiere den volkswirtschaftlichen Produktionsfaktor Arbeit gemäß herrschender Lehrmeinung.
Arbeit ist jede menschliche Tätigkeit (sowohl körperliche als auch geistige) gegen Entgelt, die wirtschaftliches Handeln plant, gestaltet und ausführt.
 
Aufgabe 2: (6 Punkte)
Warum greift diese Definition zu kurz?
Nenne Aspekte/Faktoren/Arten der menschlichen Arbeit, die diese Definition außer acht läßt.
  • Arbeit stellt aber auch immer eine technisch-kulturell geprägte Form der Auseinandersetzung mit der jeweiligen Umwelt dar.
  • Sie ist insofern ein gestaltender, schöpferisch-produzierender und sozialer, zwischen Individuen vermittelnder Akt.
  • Sie ist von zentraler Bedeutung für die Verteilung individueller Lebenschancen, das Selbstwertgefühl und die Stellung des einzelnen in der Gesellschaft.
  • Vielfach wird Haus-, Familien-, Erziehungs- und Pflege-Arbeit unentgeltlich ausgeübt und zählt daher nicht zum Produktionsfaktor. Außerdem gibt es Arbeitsstellen, die nicht entlohnt werden (z. B. Praktika).
  • Andere als menschliche Tätigkeit (z. B. von Tieren) zählt nicht zum Produktionsfaktor.
  • Andere als auf wirtschaftliches Handeln ausgerichtete Tätigkeit zählt nicht zum Produktionsfaktor.
 
Aufgabe 3: (4 Punkte)
Welche Merkmale charakterisieren den volkswirtschaftlichen Produktionsfaktor Arbeit aufgrund der Definition der herrschenden Lehrmeinung?
Anforderung (Qualifikation), Ausbildung, Begabung, Verantwortung.
 
Aufgabe 4: (4 Punkte)
Welche Merkmale menschlicher Arbeit müßten zu ihrer Charakterisierung zusätzlich berücksichtigt werden?
  • Auf der Ebene des Individuums: Leistungsfähigkeit, Leistungsbereitschaft, Zufriedenheit, Motivation, Zukunftschancen, Wohnort (Mobilität).
  • Auf der Ebene des Berufs: Status (Ansehen), Inhalte (Möglichkeit zur Befriedigung von Bedürfnissen verschiedener Stufen) Arbeitsplatzsicherheit, Arbeitsort.
 
Aufgabe 5: (4 Punkte)
Warum gibt es nach der klassischen Beschäftigungstheorie allenfalls kurzzeitig (bis zur Anpassung an das Gleichgewicht) Arbeitslosigkeit?
Der Preis für Arbeit, der Lohn, steigt oder fällt entsprechend Angebot und Nachfrage. Im Gleichgewicht bietet niemand zusätzlich seine Arbeitskraft an: Alle, die es wünschen, finden (zu diesem Preis) eine Arbeitsstelle.
 
Aufgabe 6: (4 Punkte)
Warum gibt es in modernen Volkswirtschaften trotzdem das Phänomen der Arbeitslosigkeit?
Der Lohn ist nicht mehr nur Ausdruck von Angebot und Nachfrage, sondern wird durch andere Faktoren bestimmt. Er kann so teuer werden, daß sich Angebot und Nachfrage nicht mehr ausgleichen.
 
Aufgabe 7:
Lese und vergleiche die beiden folgenden Texte.
Wenn ich gelegentlich nach Deutschland zurückkehre, kommt mir das Land wie ein großer Wartesaal vor, ein Wartesaal voller Warntafeln und Verbotsschilder. Wir führen das unbeschwerte Leben einer Gesellschaft, die die persönliche Verantwortung an der Garderobe des Staates abgegeben hat. Wir hocken in einem Käfig der Bequemlichkeit. Das Streben nach Arbeit und Leistung wird darin oft verhindert. Ich habe kürzlich einen jungen Dresdner Taxifahrer gefragt, ob es stimme, daß viele Ostdeutsche gern zum alten sozialistischen System zurückkehren wollen. Er antwortete: Klar, sein Vater habe ihm erzählt, damals habe es viel weniger Streß gegeben. Diese Haltung spricht für sich. Wir sind verwundbar, weil es uns zu gut geht. Unter härteren Bedingungen wären wir dagegen durchaus fähig, das Beste aus uns rauszuholen.
aus: Notker Wolf: Worauf warten wir? Ketzerische Gedanken zu Deutschland, Reinbek bei Hamburg 2006
 
In einem Hafen an einer westlichen Küste Europas liegt ein ärmlich gekleideter Mann in seinem Fischerboot und döst. Ein schick angezogener Tourist legt eben einen neuen Farbfilm in seinen Fotoapparat, um das idyllische Bild zu fotografieren: ... Klick. (...). Das spröde, fast feindselige Geräusch weckt den dösenden Fischer, der sich schläfrig aufrichtet...
»Sie werden heute einen guten Fang machen.« Kopfschütteln des Fischers.
»Aber man hat mir gesagt, daß das Wetter günstig ist.« Kopfnicken des Fischers.
»Sie werden also nicht ausfahren?«
Kopfschütteln des Fischers, steigende Nervosität des Touristen. Gewiß liegt ihm das Wohl des ärmlich gekleideten Menschen am Herzen, nagt an ihm die Trauer über die verpaßte Gelegenheit. »Oh, Sie fühlen sich nicht wohl ?« (...)
»Ich fühle mich großartig«, sagt der Fischer. »Ich habe mich nie besser gefühlt.« (...)
Der Gesichtsausdruck des Touristen wird immer unglücklicher, er kann die Frage nicht mehr unterdrücken, die ihm sozusagen das Herz zu sprengen droht: »Aber warum fahren Sie dann nicht aus?«
Die Antwort kommt prompt und knapp. »Weil ich heute morgen schon ausgefahren bin.«
»War der Fang gut?«
»Er war so gut, daß ich nicht noch einmal auszufahren brauche, ich habe vier Hummer in meinen Körben gehabt, fast zwei Dutzend Makrelen gefangen.« (...)
»Ich will mich ja nicht in Ihre persönlichen Angelegenheiten mischen«, sagt der Fremde, »aber stellen Sie sich mal vor, Sie führen heute ein zweites, ein drittes, vielleicht sogar ein viertes Mal aus und Sie würden drei, vier, fünf, vielleicht gar zehn Dutzend Makrelen fangen. Stellen Sie sich das mal vor.«
Der Fischer nickt.
»Sie würden«, fährt der Tourist fort, »nicht nur heute, sondern morgen, übermorgen, ja, an jedem günstigen Tag zwei-, dreimal, vielleicht viermal ausfahren - wissen Sie, was geschehen würde?«
Der Fischer schüttelt den Kopf.
»Sie würden sich in spätestens einem Jahr einen Motor kaufen können, in zwei Jahren ein zweites Boot, in drei oder vier Jahren könnten Sie vielleicht einen kleinen Kutter haben, mit zwei Booten oder dem Kutter würden Sie natürlich viel mehr fangen - eines Tages würden Sie zwei Kutter haben, Sie würden ...«, die Begeisterung verschlägt ihm für ein paar Augenblicke die Stimme, »Sie würden ein kleines Kühlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik, (...) - und dann ...«, wieder verschlägt die Begeisterung dem Fremden die Sprache. (...) »Dann«, sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, »dann könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen - und auf das herrliche Meer blicken.«
»Aber das tu ich ja schon jetzt«, sagte der Fischer...
aus: Heinrich Böll: Anekdote von der Senkung der Arbeitsmoral, Köln 1994
a) (5 Punkte)
Welche Einstellung zur Arbeit dokumentieren Herr Wolf, der Taxifahrer, der Vater des Taxifahrers, der Fischer und der Tourist durch ihre Aussagen bzw. Handlungen?
Notker Wolf Taxifahrer Vater des Taxifahrers Fischer Tourist
"Streben nach Arbeit und Leistung", d. h. Arbeit ist Selbstzweck (= Lebensäußerung) und soll Höchstleistungen als Ergebnis hervorbringen ("das Beste aus uns rauszuholen"). Er geht vermutlich "schaffen", weil er Geld verdienen muß und nimmt dafür auch geringe Anforderungen stellende Arbeit in Kauf. Zufriedenheit dürfte eher durch die Höhe des Lohnes entstehen, als durch die Inhalte der Arbeit. Er arbeitete vermutlich, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen und legte dabei Wert darauf, nicht zu sehr gefordert zu werden. (Es gibt ja auch noch eine Freizeit - und die ist wichtiger als Arbeit!) Arbeit dient dazu, den Lebensunterhalt zu verdienen, wobei ein ausreichendes Auskommen völlig genug ist - Reichtümer sollen nicht angehäuft werden. Der Beruf ist abhängig vom (örtlichen) Angebot an Arbeitsplätzen, soll in gewisser Hinsicht Freude bereiten, ist aber nicht Lebensinhalt. Arbeit dient dazu, Reichtümer anzuhäufen, um sich nach Erarbeitung eines Vermögens der Ruhe und Muße (und Selbstverwirklichung) hingeben zu können. Dazu sind - ohne Rücksicht auf sich selbst und die Umwelt (andere Menschen, Natur) - Höchstleistungen zu vollbringen.
 
b) (5 Punkte)
Welche Kritik äußern diese fünf Personen direkt oder indirekt (durch ihre Handlungen) an der jeweils angeblich feststellbaren allgemeinen Einstellung zur Arbeit?
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Notker Wolf Taxifahrer Vater des Taxifahrers Fischer Tourist
Wir sind faul geworden, "weil es uns zu gut geht." Keine Kritik eindeutig ableitbar. Keine Kritik eindeutig ableitbar. Keine Kritik eindeutig ableitbar. Wer nicht arbeitet und nach Höchstleistungen strebt, scheint verhaltensgestört zu sein.
Fragen karlheinz@luk-korbmacher.de