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2008/
2009

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Lese bitte den folgenden Text von Hermann Hesse (Aus einem Brief 1931) und bearbeite die nachfolgenden Aufgaben.
"Das Leben ist sinnlos, grausam, dumm und dennoch prachtvoll – es macht sich nicht über den Menschen lustig (denn dazu gehört Geist), aber es kümmert sich um den Menschen nicht mehr als um den Regenwurm.

Daß ausgerechnet der Mensch eine Laune und ein grausames Spiel der Natur sei, ist ein Irrtum, den der Mensch sich erfindet, weil er sich zu wichtig nimmt.

Wir müssen erst sehen, daß wir Menschen es keineswegs schwerer haben als jeder Vogel und jede Ameise, sondern eher leichter und schöner. Wir müssen die Grausamkeit des Lebens und die Unentrinnbarkeit des Todes erst in uns aufnehmen, nicht durch Jammern, sondern durch Auskosten dieser Verzweiflung. Erst dann, wenn man die ganze Scheußlichkeit der Sinnlosigkeit der Natur in sich aufgenommen hat, kann man beginnen, sich dieser rohen Sinnlosigkeit gegenüberzustellen und sie zu einem Sinn zu zwingen. Es ist das Höchste, wozu der Mensch fähig ist, und es ist das Einzige, wozu er fähig ist. Alles andre macht das Vieh besser.

Tragen Sie das Leid, kosten Sie die Verzweiflung, aber lernen Sie das Nichtverstehen, das Leid, die Sinnlosigkeit als Vorbedingung für alles erkennen, was der Mensch wert sein kann. Wie Sie nachher Ihren Glauben formulieren, ob christlich oder sonstwie, ist einerlei. Es gibt keine andern Götter, als die der Mensch sich macht. Es gibt ja auch keine andern Regierungen, Gesetze und Moralen, als die der Mensch sich macht. Das tun die Völker im großen, und das tut jeder Einzelne im kleinen. Er gibt dem Sinnlosen einen Sinn, er stellt seine Ahnung, sein Bedürfnis nach Sinn dem Chaos entgegen, und lernt leben, als gebe es einen Gott und als habe das Ganze einen Sinn. Mehr ist nicht vonnöten, um leben zu können.

Daß die meisten Menschen, auch die jungen, sich meistens diese Frage gar nicht stellen, ist wieder eine andere Sache. Für die meisten ist die Sinnlosigkeit gar kein Leid, sowenig wie für den Regenwurm. Aber eben die Wenigen, die vom Leid ergriffen werden und nach dem Sinn zu suchen beginnen, machen den Sinn der Menschheit aus."
 
Aufgabe 1: (20 Punkte)
Vergleiche die Aussagen von Hermann Hesse mit Auffassungen verschiedener Philosophen zum Sinn des Lebens.
Mit welchem Philosophen ergeben sich in welchen Aussagen Überschneidungen?
Mit anderen Worten: Wo greift Hesse Auffassungen welcher Philosophen auf?
An welchen Stellen gibt es aber auch Abweichungen von den Auffassungen der Philosophen, die er aufgreift?
Lösung
 
Aufgabe 2: (4 Punkte)
Hermann Hesse betrachtet in seinem Text das Verhältnis der Natur zu den Menschen. Welche Ziele verfolgt seiner Ansicht nach die Natur?
Die Natur verfolgt seiner Ansicht nach kein Ziel.
 
Aufgabe 3: (4 Punkte)
Warum kann Hermann Hesse behaupten, daß das "Vieh" (also die Tiere) alles andere, als dem eigenen Leben einen Sinn zu geben, besser macht als der Mensch?
Begründe bitte Deine Meinung.
Im Hinblick auf alle Sinne (sehen, hören, riechen, tasten, schmecken) sind bestimmte Tierarten dem Menschen jeweils weit überlegen. Ausschließlich im Denken, wie es die Menschen verstehen, ist der Mensch allen bekannten Tierarten überlegen.

Interessanter Aspekt: Die Tiere leben einfach ihr Leben und zerstören dabei nicht die Natur. Ihr Leben hat damit per se einen Sinn. Außerdem haben sie die Unentrinnbarkeit des Todes als Teil ihres Lebens akzeptiert.

 
Aufgabe 4: (4 Punkte)
Existiert nach Ansicht von Hermann Hesse ein Gott?
Nein.
 
Aufgabe 5: (4 Punkte)
Warum gibt sich der Mensch nach Meinung von Hermann Hesse einen Sinn für sein Leben?
Der Mensch besitzt ein Bedürfnis, dem Chaos der sinnlosen Natur zu entgehen.
 
Aufgabe 6: (8 Punkte)
Warum könnte für die meisten Menschen die von Hermann Hesse behauptete Sinnlosigkeit der Natur kein Leid darstellen?
Begründe bitte Deine Meinung.
Die meisten Menschen stellen sich nach Auffassung von Hermann Hesse die Frage nach dem Warum der Existenz der Natur, nach ihrer Sinnhaftigkeit gar nicht. Sie leben in ihrer "kleinen" Welt, der sie einen - wie auch immer gearteten - Sinn gegeben haben. Im Streben nach diesem Ziel sind sie zu beschäftigt, als die übergeordnete Frage nach dem Warum zu stellen.
 
Aufgabe 7: (12 Punkte)
Kannst Du der Meinung von Hermann Hesse zustimmen, daß der Regenwurm ebenso wenig unter der von ihm (Hermann Hesse) behaupteten Sinnlosigkeit der Natur leidet wie die meisten Menschen?
Begründe bitte Deine Meinung.
Nein! Uns Menschen fehlt die Fähigkeit, das Denken und Fühlen eines Regenwurms zu erfassen. Wir Menschen können daher keine Aussagen über die artenspezifischen Fähigkeiten des Regenwurms - wie aller anderen nicht-menschlichen Lebewesen - machen. Wir Menschen können daher nicht einmal behaupten, der Regenwurm würde nicht über seine Existenz nachdenken. Wir Menschen können nur behaupten, daß der Regenwurm mit Sicherheit nicht in unseren Denkkategorien über die Sinnhaftigkeit der Natur nachdenken wird.
 
Aufgabe 8: (4 Punkte)
Welchen Sinn hat nach Hermann Hesse die Menschheit?
Sinn der Menschheit ist seiner Auffassung nach die Suche nach einem Sinn des Lebens.
Fragen karlheinz@luk-korbmacher.de