| Heinrich
Böll: An der Brücke
[1950] Die haben mir
meine Beine geflickt und haben mir einen
Posten gegeben, wo ich sitzen kann: ich
zähle die Leute, die über die neue
Brücke gehen. Es macht ihnen ja Spaß,
sich ihre Tüchtigkeit mit Zahlen zu
belegen, sie berauschen sich an diesem
sinnlosen Nichts aus ein paar Ziffern,
und den ganzen Tag, den ganzen Tag geht
mein stummer Mund wie ein Uhrwerk, indem
ich Nummer auf Nummer häufe, um ihnen
abends den Triumph einer Zahl zu
schenken.
Ihre Gesichter
strahlen, wenn ich ihnen das Ergebnis
meiner Schicht mitteile, je höher die
Zahl, um so mehr strahlen sie, und sie
haben Grund, sich befriedigt ins Bett zu
legen, denn viele Tausende gehen täglich
über ihre neue Brücke...
Aber ihre Statistik
stimmt nicht. Es tut mir leid, aber sie
stimmt nicht. Ich bin ein
unzuverlässiger Mensch, obwohl ich es
verstehe, den Eindruck von Biederkeit zu
erwecken.
Insgeheim macht es mir
Freude, manchmal einen zu unterschlagen
und dann wieder, wenn ich Mitleid
empfinde, ihnen ein paar zu schenken. Ihr
Glück liegt in meiner Hand. Wenn ich
wütend bin, wenn ich nichts zu rauchen
habe, gebe ich nur den Durchschnitt an,
manchmal unter dem Durchschnitt, und wenn
mein Herz aufschlägt, wenn ich froh bin,
lasse ich meine Großzügigkeit in einer
fünfstelligen Zahl verströmen. Sie sind
ja so glücklich! Sie reißen mir
förmlich das Ergebnis jedesmal aus der
Hand, und ihre Augen leuchten auf, und
sie klopfen mir auf die Schulter. Sie
ahnen ja nichts! Und dann fangen sie an
zu multiplizieren, zu dividieren, zu
prozentualisieren, ich weiß nicht was.
Sie rechnen aus, wieviel heute jede
Minute über die Brücke gehen und
wieviel in zehn Jahren über die Brücke
gegangen sein werden. Sie lieben das
zweite Futur, das zweite Futur ist ihre
Spezialität - und doch, es tut mir leid,
daß alles nicht stimmt...
Wenn meine kleine
Geliebte über die Brücke kommt - und
sie kommt zweimal am Tage -, dann bleibt
mein Herz einfach stehen. Das
unermüdliche Ticken meines Herzens setzt
einfach aus, bis sie in die Allee
eingebogen und verschwunden ist. Und
alle, die in dieser Zeit passieren,
verschweige ich ihnen. Diese zwei Minuten
gehören mir, mir ganz allein, und ich
lasse sie mir nicht nehmen. Und auch wenn
sie abends wieder zurückkommt aus ihrer
Eisdiele, wenn sie auf der anderen Seite
des Gehsteiges meinen stummen Mund
passiert, der zählen, zählen muß, dann
setzt mein Herz wieder aus, und ich fange
erst wieder an zu zählen, wenn sie nicht
mehr zu sehen ist. Und alle, die das
Glück haben, in diesen Minuten vor
meinen blinden Augen zu defilieren, gehen
nicht in die Ewigkeit der Statistik ein:
Schattenmänner und Schattenfrauen,
nichtige Wesen, die im zweiten Futur der
Statistik nicht mitmarschieren werden...
Es ist klar, daß ich
sie liebe. Aber sie weiß nichts davon,
und ich möchte auch nicht, daß sie es
erfährt. Sie soll nicht ahnen, auf
welche ungeheure Weise sie alle
Berechnungen über den Haufen wirft, und
ahnungslos und unschuldig soll sie mit
ihren langen braunen Haaren und den
zarten Füßen in ihre Eisdiele
marschieren, und sie soll viel Trinkgeld
bekommen. Ich liebe sie. Es ist ganz
klar, daß ich sie liebe.
Neulich haben sie mich
kontrolliert. Der Kumpel, der auf der
anderen Seite sitzt und die Autos zählen
muß, hat mich früh genug gewarnt, und
ich habe höllisch aufgepaßt. Ich habe
gezählt wie verrückt, ein
Kilometerzähler kann nicht besser
zählen. Der Oberstatistiker selbst hat
sich drüben auf die andere Seite
gestellt und hat später das Ergebnis
einer Stunde mit meinem Stundenplan
verglichen. Ich hatte nur einen weniger
als er. Meine kleine Geliebte war
vorbeigekommen, und niemals im Leben
werde ich dieses hübsche Kind ins zweite
Futur transponieren lassen, diese meine
kleine Geliebte soll nicht multipliziert
und dividiert und in ein prozentuales
Nichts verwandelt werden. Mein Herz hat
mir geblutet, daß ich zählen mußte,
ohne ihr nachsehen zu können, und dem
Kumpel drüben, der die Autos zählen
muß, bin ich sehr dankbar gewesen. Es
ging ja glatt um meine Existenz.
Der Oberstatistiker hat
mir auf die Schulter geklopft und hat
gesagt, daß ich gut bin, zuverlässig
und treu. »Eins in der Stunde
verzählt«, hat er gesagt, »macht nicht
viel. Wir zählen sowieso einen gewissen
prozentualen Verschleiß hinzu. Ich werde
beantragen, daß Sie zu den Pferdewagen
versetzt werden.«
Pferdewagen ist
natürlich die Masche. Pferdewagen ist
ein Lenz wie nie zuvor. Pferdewagen gibt
es höchstens fünfundzwanzig am Tage,
und alle halbe Stunde einmal in seinem
Gehirn die nächste Nummer fallen zu
lassen, das ist ein Lenz!
Pferdewagen wäre
herrlich. Zwischen vier und acht dürfen
überhaupt keine Pferdewagen über die
Brücke, und ich könnte spazierengehen
oder in die Eisdiele, könnte sie mir
lange anschauen oder sie vielleicht ein
Stück nach Hause bringen, meine kleine
ungezählte Geliebte...
aus: Heinrich Böll:
Wanderer, kommst du nach Spa...
Erzählungen, München 181976,
S. 62 f.
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