Der Psychiater Viktor Emil Frankl (1905 - 1997) beantwortet die Frage "Darf man lügen?" aus der Sicht des behandelnden Arztes:

"Jetzt werden wir verstehen, was das heißt, zu behaupten, es sei das Recht oder die Pflicht, um jeden Preis alles zu sagen. Wenn ich einem Patienten den Blutdruck messe und er hat 160, und ich sage ihm, der Blutdruck ist leicht erhöht, dann hat er schon nicht mehr 160, sondern 180, weil er sich vor dem Schlaganfall fürchtet. Wenn ich ihm auf seine Frage, wie der Blutdruck ist, sage: ‚Praktisch normal‘, dann sagt er: ‚Gott sei Dank, ich habe schon gemeint, ich bekomme einen Schlaganfall‘, und er hat gar nicht mehr 160, sondern 140, wirklich einen normalen Blutdruck. Man muß nicht alles sagen; das ist ein Mißverständnis, meine Damen und Herren. Sie werden verstehen, daß mir als Arzt näher liegt, einem Menschen zu helfen, als ihm um jeden Preis irgendeine Wahrheit zu sagen, die existentiell in dem Augenblick, kraft der Paradoxie des Wahrheit-Sagens, in eine Lüge umschlägt."

aus: Viktor E. Frankl: Der junge Mensch auf der Suche nach Sinn, in: Die Jugend und ihre Zukunftschancen. Hamburg: Jugendwerk der Deutschen Shell 1979, S. 183

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