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Fernando Savater zum Glück |
| Prak- tische Philo- sophie |
"Das Thema ... handelt davon, was du aus deinem Leben machen kannst
... Wie kann man auf die bestmögliche Art leben? Diese
Frage ist für mich viel substantieller als andere, dem
Anschein nach viel gewaltigere Fragen: »Hat das Leben
einen Sinn? Lohnt es sich zu leben? Gibt es ein Leben
nach dem Tod?« Das Leben hat einen Sinn, nur einen einzigen Sinn; es geht weiter ... Auf die Frage, ob es sich zu leben lohnt, antworte ich dir mit einem Spruch des oft spöttischen englischen Schriftstellers Samuel Butler: »Das ist eine Frage für einen Embryo, nicht für einen Menschen.« [...] Also ist es das Leben, das zählt ..., da ja unser ganzes Wissen und alles, was für uns Wert besitzt, vom Leben kommt! [...] Mich interessiert nicht, ob es ein Leben nach dem Tod gibt, sondern daß es ein Leben vorher gibt. Ich mißtraue allem, was man dank des Todes angeblich erreichen soll ..., sei es Ruhm in dieser Welt oder das ewige Leben in einer anderen. [S. 140 f.] Frage niemanden, was du mit deinem Leben anfangen sollst: Frage dich selbst. [S. 54] Das, was unser Leben werden soll, [ist] zumindest teilweise das Ergebnis dessen ..., was jeder will. [S. 20] »Was ich will ..., ist, mir ein schönes Leben machen.« [S. 60] Ich bleibe also bei der Frage stehen, wie wir [Menschen] besser leben können ... Was die Antwort betrifft, fürchte ich, bleibt dir nichts anderes übrig, als persönlich nach ihr zu suchen. Und zwar aus drei Gründen:
Was ist die größte Belohnung, die uns etwas im Leben geben kann? [...] Das Höchste, das wir überhaupt erreichen können, ist Freude. Alles, soweit es zur Freude führt, hat Berechtigung ..., und alles, was uns unwiederbringlich von der Freude wegführt, ist ein Irrweg. Was ist Freude? Ein spontanes Ja zum Leben, das aus unserem Inneren kommt ... Ein Ja zu dem, was wir sind, oder besser, was wir zu sein meinen. Wer sich freut, hat bereits den höchsten Preis erhalten und vermißt nichts; wer keine Freude kennt wie weise, schön, gesund, reich, mächtig, heilig er auch sein mag , ist elend dran, ihm fehlt das Wichtigste. [S. 120] Und so gelangen wir zu dem zentralen Begriff dieses ganzen Durcheinanders: Freiheit. [S. 22 ...] Wir können ja oder nein sagen, »Ich will« oder »Ich will nicht«. Sosehr wir uns auch von den Umständen erdrückt sehen, es gibt nie nur einen einzigen Weg, dem wir folgen können, sondern immer mehrere. [S. 24] In der Realität existieren viele Kräfte, die unsere Freiheit einschränken ... Aber auch unsere Freiheit ist eine Kraft in der Welt, unsere Kraft. [S. 26] Wir können uns für das entscheiden, was uns gut scheint, das heißt passend für uns, und gegen das, was uns schlecht und unpassend erscheint. Und weil wir denken und wählen können, können wir uns irren ... Also scheint es vernünftig, gut darauf achtzugeben, was wir tun, und zu versuchen, uns ein gewisses Lebenswissen anzueignen, das es uns ermöglicht, richtig zu handeln. [S. 27 f.] Im Allgemeinen verbringt man sein Leben nicht damit, ständig hin und her zu überlegen, was für uns angebracht ist und was nicht ... Wenn wir ehrlich sind, müssen wir anerkennen, daß wir die meisten unserer Handlungen fast automatisch tun, ohne allzu viel darüber nachzudenken. [S. 32 Trotzdem haben wir ein Motiv für jede unserer Handlungen.] Es ist der Grund, den du hast oder zumindest zu haben glaubst, etwas zu tun, die akzeptabelste Erklärung für dein Verhalten ... Eine der Arten der Motivation ... ist die, daß ich dir auftrage, dies oder jenes zu tun. Diese Motive nennen wir Befehle. In anderen Fällen besteht das Motiv darin, daß du gewöhnlich immer das Gleiche tust ...; oder du siehst, wie in deiner Umgebung sich alle üblicherweise so verhalten: Diese Motive nennen wir Gewohnheiten. In anderen Fällen ... scheint das Motiv das Fehlen eines Motivs zu sein, das, was dir einfach so gefällt, die reine Lust. [... Nennen wir] dieses Verhalten Launen ... [S. 34 f.] Wenn wir wirklich lernen wollen, die Freiheit, die wir besitzen, gut zu gebrauchen ..., dann ist es besser sich von Befehlen, Gewohnheiten und Launen freizumachen. [S. 47] Um zu wissen, ob etwas für mich wirklich angemessen ist oder nicht, muß ich das, was ich tue, genauer untersuchen und über mich selbst nachdenken. [S. 45 f. ...] Für die einen bedeutet gut sein, ergeben und geduldig zu sein. Andere aber nennen die Person gut, die unternehmungslustig, originell ist, die keine Angst hat, zu sagen, was sie denkt ... Weißt du, warum es nicht so einfach ist, zu bestimmen, wann ein Mensch »gut« ist und wann nicht? Weil wir nicht wissen, zu welchem Zweck die Menschen da sind. [S. 49] Man kann auf verschiedene Arten ein guter Mensch sein, und die Meinungen, die das Verhalten beurteilen, gehen gewöhnlich, je nach Situation, auseinander ... Man muß nicht nur alle Umstände jedes Einzelfalles untersuchen, sondern auch die Absichten, die jeder hat. Weil es passieren könnte, daß jemand etwas Schlechtes tun wollte, zufällig aber etwas offensichtlich Gutes erreicht hat ... Das Umgekehrte gilt genauso: Mit den besten Absichten der Welt könnte jemand eine Katastrophe herbeiführen ... [S. 50 f.] Es ist ziemlich klar, was wir wollen, aber es ist nicht so klar, worin dieses »schöne Leben« denn nun eigentlich besteht. Und das schöne Leben wollen ist nicht irgendein Wollen, wie wenn jemand Linsen, Bilder, Elektrogeräte [, einen Kuß, Macht] oder Geld will. Dieses Wollen ist sozusagen einfach, es richtet sich auf einen einzigen Aspekt der Wirklichkeit, dahinter steckt keine ganzheitliche Sichtweise. [S. 67 ...] So erhalten wir keine Freundschaft, keinen Respekt und noch viel weniger Liebe. Keine Sache ... kann uns [Menschen] diese Freundschaft, Achtung, Liebe, mit einem Wort, diese fundamentale Anteilnahme geben, die man sich nur unter Gleichen gewährt und die uns ..., die wir Menschen sind, nur die Menschen geben können, die wir als solche behandeln. [S. 70 f.] Niemandem wird das schöne menschliche Leben geschenkt, noch erreicht jemand das ihm Zusagende ohne Mut und Anstrengung ... [Beachte dabei:] Alle meine Entscheidungen hinterlassen in mir eine Spur, bevor sie diese in meiner Umwelt hinterlassen. [S. 90] Je glücklicher und fröhlicher sich jemand fühlt, um so weniger Lust hat er, böse zu sein. Ist es dann nicht vernünftig zu versuchen, das Glück der anderen mit allen Mitteln zu fördern, anstatt sie unglücklich und daher für das Böse anfällig zu machen? [...] Der größte Nutzen, den wir von unseren Mitmenschen erhalten können, ist nicht der Besitz von noch mehr Sachen ..., sondern die Anteilnahme und Zuneigung von mehr freien Wesen. [S. 102 ...] Worin besteht dieses, die Personen wie Personen, das heißt menschlich zu behandeln? Antwort: Es besteht darin, sich in ihre Lage zu versetzen. [S. 104 ...] Und wenn du dich in ihre Lage versetzt, mußt du nicht nur fähig sein, die Gründe für ihr Handeln zu beachten, sondern auch auf irgendeine Weise an ihren Leidenschaften und Gefühlen, an ihren Schmerzen, Sehnsüchten und Freuden teilzunehmen. [S. 106] Der ist wirklich »schlecht«, der glaubt, im Genießen gäbe es etwas Schlechtes. Wir ... sind ein Körper, ohne dessen Befriedigung und Wohlbefinden es kein schönes Leben gibt, das sich lohnt. [S. 112 ...] Nichts ist allein deswegen schlecht, weil es dir Spaß macht. [S. 115 ...] Man muß sich dem Genuß der Gegenwart hingeben können, was die Römer ... in dem Spruch carpe diem (nutze den Tag) zusammengefaßt haben. Aber das soll nicht heißen, daß du heute alle Vergnügen suchen mußt, sondern daß du alle Vergnügen von heute suchen sollst. [S. 116 ...] Wenn du ein Vergnügen genießt, bereicherst du dein Leben, und jedes Mal gefällt dir nicht nur das Vergnügen mehr, sondern auch das Leben selbst; das Zeichen dafür, daß du [das Vergnügen] mißbrauchst, ist die Erkenntnis, daß das Vergnügen dir das Leben ärmer macht und dich nicht das Leben interessiert, sondern nur dieses spezielle Vergnügen. Das heißt, das Vergnügen ist kein angenehmer Bestandteil der Vielfältigkeit des Lebens mehr, sondern eine Zuflucht, um dem Leben zu entfliehen, um dich vor ihm zu verstecken. [S. 118 ...] Die Kunst, das Vergnügen in den Dienst der Freude zu stellen, also die Tugend, nicht vom Genuß in den Verdruß zu fallen, pflegt man seit alters her Mäßigung zu nennen. [S. 121] Soll ich jetzt doch mit einem letzten Rat schließen?[...] Versuche immer jene Optionen zu wählen, die dir später eine größere Anzahl weiterer Optionen offenhalten ... Wähle das, was dich öffnet: den anderen, neuen Erfahrungen, verschiedene Freuden. Vermeide das, was dich einengt und begräbt. Dann also viel Glück! [S. 143 f.]" aus: Fernando Savater: Tu, was du willst. Ethik für die Erwachsenen von morgen, übersetzt von Wilfried Hof, Frankfurt am Main/New York 92007 |
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