![]() |
Émilie du Châtelet zum Glück |
| Prak- tische Philo- sophie |
"Um glücklich zu sein, ist es nötig, frei von
Vorurteilen, tugendhaft und bei guter Gesundheit zu sein,
Neigungen und Leidenschaften zu haben und für Illusionen
empfänglich zu sein ... Anfangen sollte man damit, sich selbst zu sagen und zu überzeugen, daß wir auf dieser Welt nichts anderes zu tun haben, als uns Wohlgefühle und empfindungen zu verschaffen. [...] Glücklich ist man nur durch befriedigte Leidenschaften und Neigungen; Neigungen sage ich, weil man nicht immer so glücklich ist, Leidenschaften zu haben, und wenn es an Leidenschaften gebricht, muß man sich eben mit Neigungen zufrieden geben. Leidenschaften sind es denn auch, worum wir Gott bitten sollten, wenn wir ihn um etwas zu bitten wagten; Le Nôtre hatte ganz recht, den Papst statt um Ablaß um Versuchungen zu bitten. [S. 18 f. ...] Es liegt an uns, [die Leidenschaften] unserem Glück dienlich zu machen, und dies hängt oft nur von uns selbst ab. Wer seine Lage und die Umstände, in die das Schicksal ihn gestellt hat, so weise zu nutzen verstand, daß es ihm gelungen ist, Herz und Geist in ein ruhiges Gleichgewicht zu bringen, und er für alle Wohlgefühle, alle sinnlichen Genüsse offen ist, die seine Lage mit sich bringt, der ist gewiß ein hervorragender Philosoph und sollte der Natur dafür danken. Ich spreche von der Lage und den Umständen, in die das Schicksal ihn gestellt hat, weil ich glaube, daß es am meisten zu unserem Glück beiträgt, wenn wir mit unserer Lage zufrieden sind und eher darauf sinnen, wie sie glücklich einzurichten statt wie sie zu verändern sei. [S. 21 ...] Ich schreibe nur für die, ... denen ein gewisses Vermögen, mehr oder weniger glänzend, mehr oder weniger bedeutend, in die Wiege gelegt wurde ... Doch um Leidenschaften zu haben, um sie befriedigen zu können, muß man sicher bei guter Gesundheit sein; das ist das erste Gut: dieses Gut jedoch ist nicht so unabhängig von uns, wie man glaubt ... sofern wir unsere Verfassung nicht durch Völlerei, durch nächtliches Aufbleiben oder durch Ausschweifungen zerstören ... [S. 22 ...] Ist man erst wirklich überzeugt, daß ohne Gesundheit keinerlei Vergnügen und keinerlei Wohlgenuß möglich ist, entschließt man sich leichten Herzen, einige Opfer in Kauf zu nehmen, um sich zu erhalten ... Diese selbst auferlegte Enthaltsamkeit wird das Vergnügen steigern. [S. 24 ...] Eine weitere Quelle des Glücks ist es, von Vorurteilen frei zu sein, und es liegt nur an uns, sie abzulegen. Wir alle haben die nötige Portion Verstand, um die Dinge, die man uns glauben machen will zu überprüfen... Aber man sollte Vorurteile nicht mit den Regeln der Schicklichkeit verwechseln ... Wer nach Glück strebt, darf sie nie übertreten; doch die peinliche Einhaltung der Schicklichkeit ist eine Tugend, und ich habe gesagt, um glücklich zu sein, muß man tugendhaft sein ... Wir müssen tugendhaft sein, weil wir nicht lasterhaft und zugleich glücklich sein können. Unter Tugend verstehe ich alles, was zum Glück der Gesellschaft beiträgt und infolgedessen zu dem unsrigen ... [S. 25 ff. ...] Man darf also, will man nicht unglücklich sein, sich nicht dem Laster ergeben; doch ist es nicht genug, nicht unglücklich zu sein; wäre das Fehlen des Schmerzes unser einziges Ziel, lohnte das Leben der Mühe nicht; das Nichts wäre besser: denn das ist gewiß der Zustand, in dem man am wenigsten leidet. [...] So wie man sich zu Hause wohl fühlen sollte, so sollte man auch mit sich selbst im Einklang sein, und solche Befriedigung ohne Tugend zu erlangen, würde man vergeblich hoffen. [S. 29 ...] Schließlich, sage ich, muß man, um glücklich zu sein, empfänglich sein für Illusionen ... [S. 30 ...] Ebensowenig wie Neigungen und Leidenschaften kann man sich selbst Illusionen einflößen; doch man kann sich die Illusionen bewahren, die man hat; man kann versuchen, sie nicht zu zerstören; man kann darauf verzichten, hinter die Kulissen zu schauen ... Das sind, wenn der Ausdruck erlaubt ist, die großen Mechanismen des Glücks; doch gibt es im einzelnen noch viele Mittel, die zu unserem Glück beitragen können. Allen voran ist die Entscheidung zu nennen, was man sein will und was man machen möchte ... Ohne sie schwimmt man ständig in einem Meer von Ungewißheiten; man zerstört am Morgen, was man am Abend vollbracht hat; man bringt das ganze Leben damit zu, Dummheiten zu begehen, wiedergutzumachen, zu bereuen. Dieses Gefühl der Reue ist eins der nutzlosesten und unerfreulichsten Gefühle, zu denen unsere Seele fähig ist. [...] Man muß vom Gegebenen ausgehen, seinen ganzen Scharfsinn daransetzen, um wiedergutzumachen und die Mittel dazu zu finden, aber man sollte keinesfalls zurückblicken und sich die Erinnerung an seine Fehler stets aus dem Kopf schlagen ... [S. 32 f. ...] Wenden wir also unseren Sinn von allen mißlichen Vorstellungen ab; sie sind der Quell, aus dem alle metaphysischen Leiden entspringen, und vor allem diese sind es, die zu vermeiden fast immer in unserer Macht steht. [S. 35 ...] [U]m glücklich zu sein, bedarf es der Leidenschaften; jedoch muß man sie unserem Glück dienlich machen, und einigen unter ihnen müssen wir den Zugang zu unserer Seele ganz und gar verbieten. Ich spreche hier nicht von den Leidenschaften, die zu den Lastern zählen, wie Haß, Rachsucht oder Wut; doch den Ehrgeiz zum Beispiel halte ich für eine Leidenschaft, vor der man seine Seele bewahren sollte, wenn man glücklich sein will; ... weil er von allen Leidenschaften unser Glück am stärksten in die Abhängigkeit von anderen stellt; je weniger unser Glück von anderen abhängig ist, desto leichter gelingt es uns, glücklich zu sein. [S. 36 ...] Die Liebe zum Ruhm [ist] Quelle so großer Lust und so vieler und vielerlei Anstrengungen, die zum Glück ... der Gesellschaft beitragen ... [S. 38 ...] Die Liebe zur Wissenschaft ist die Leidenschaft, die für unser Glück am notwendigsten ist, habe ich gesagt; sie ist ein sicherer Rückhalt gegen das Unglück, sie ist ein Quell unerschöpflichen Vergnügens ... [S. 39 f. ...] Eines der großen Geheimnisse des Glücks besteht darin, seine Wünsche zu mäßigen und zu lieben, was man besitzt. [...] An unserem Geist und unserer Vernunft ist es, diese weise Mäßigung ... zu befestigen; glücklich ist man nur durch erfüllte Wünsche; also darf man sich nur den Wunsch nach Dingen erlauben, die man ohne allzu viel Anstrengung und Arbeit erreichen kann ... Lieben, was wir besitzen, es genießen können, die Vorteile unserer gesellschaftlichen Stellung auskosten, nicht zu sehr auf die schauen, die glücklicher scheinen, das Seine vervollkommnen und den besten Teil daraus ziehen, das ist es, was man glücklich nennen sollte ... [S. 40 f. ...] Um in den Genuß dieses Glücks zu gelangen, muß man sich von einer anderen Art Krankheit heilen oder ihr vorbeugen, die dem gerade entgegensteht ...: ich meine die Unruhe. Diese Geistesverfassung steht allem Genuß und infolgedessen jeder Art von Glück entgegen. [S. 41 f. ...] [Die Liebe] ist vielleicht die einzige [Leidenschaft], die es vermag, uns nach dem Leben verlangen zu lassen und uns dazu zu bewegen, dem Schöpfer der Natur, wer es auch sei, für unser Dasein zu danken. [...] Wenn die wechselseitige Neigung ... sich anschickt, zwei Seelen zu vereinen, die gleich empfänglich sind für Glück und Lust, so ist alles gesagt, man braucht nichts weiter zu tun, um glücklich zu sein, alles andere ist gleichgültig; nur Gesundheit ist noch vonnöten. [S. 45]" aus: Émilie du Châtelet: Rede vom Glück. Discours sur le bonheur [1746/47]. Mit einer Anzahl Briefe der Mme du Châtelet an den Marquis de Saint-Lambert, übersetzt von Iris Roebling [1999], Berlin 62008 [Im Original] Gabrielle Émilie Le Tonnelier de Breteuil, Marquise du Châtelet-Laumont (1706 1749) beschrieb anhand ihrer reichhaltigen Erfahrungen einige besonder Eigenschaften des Glücks aus ihrer Sicht:
|
| karlheinz@luk-korbmacher.de |