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Darf man lügen? |
| Prak- tische Philo- sophie |
Zunächst mußten wir definieren, was für uns Lügen bedeutet: Bewußt die Unwahrheit sagen,
schreiben oder anderweitig verbreiten. Oder anders
ausgedrückt: Bewußt von dem abweichen, als das, was der
Lügner meint, als Wahrheit zu kennen. Wir erweiterten
damit die meistens
auf das Nutzen von Sprache eingeschränkte Definition vom
Lügen, die wohl auf Augustinus (354 - 430) zurückgeht. Eine naheliegende Antwort auf die Frage "Darf man lügen?" leitet sich aus der Überlegung ab, daß zumindest alle uns bekannten Religionen die Lüge als einen Verstoß gegen geltende Regeln betrachten und deshalb das Lügen unter Strafe gestellt wird. Also: Nein. Andererseits zeigt die Tatsache, daß für einen solchen Regelverstoß Strafen ausgesprochen werden, daß Lügen offensichtlich trotz des religiösen Verbots zum alltäglichen Leben des Menschen gehört, obwohl es als moralisch verwerflich angesehen wird. Bliebe zu klären, ob Lügen auch außerhalb religiöser Regeln - aus ethischen Überlegungen heraus - als schlecht bzw. falsch angesehen werden muß bzw. sollte bzw. kann und deshalb unterlassen werden sollte. Eine entsprechende und zugleich entschieden verfochtene Ansicht vertrat Immanuel Kant (1724 - 1804). Unter Rückgriff auf den von ihm selbst formulierten Kategorischen Imperativ und in Einklang mit Augustinus stellt Kant fest: "Nun ist die erste Frage: ob der Mensch, in Fällen, wo er einer Beantwortung mit Ja oder Nein nicht ausweichen kann, die Befugnis (das Recht) habe, unwahrhaft zu sein. Die zweite Frage ist: ob er nicht gar verbunden sei, in einer gewissen Aussage, wozu ihn ein ungerechter Zwang nötigt, unwahrhaft zu sein, um eine ihn bedrohende Missetat an sich oder einem anderen zu verhüten. Wahrhaftigkeit in Aussagen, die man nicht umgehen kann, ist formale Pflicht des Menschen gegen jeden, es mag ihm oder einem andern daraus auch noch so großer Nachteil erwachsen; und, ob ich zwar dem, welcher mich ungerechter weise zur Aussage nötigt, nicht Unrecht tue, wenn ich sie verfälsche, so tue ich doch durch eine solche Verfälschung, die darum auch ... Lüge genannt werden kann, im wesentlichsten Stücke der Pflicht überhaupt Unrecht: das ist, ich mache, so viel an mir ist, daß Aussagen (Deklarationen) überhaupt keinen Glauben finden, mithin auch alle Rechte, die auf Verträgen gegründet werden, wegfallen und ihre Kraft einbüßen; welches ein Unrecht ist, das der Menschheit überhaupt zugefügt wird. Die Lüge also, bloß als vorsätzlich unwahre
Deklaration gegen einen andern Menschen definiert, bedarf
nicht des Zusatzes, daß sie einem anderen schaden
müsse; wie die Juristen es zu ihrer Definition
verlangen... Denn sie schadet jederzeit einem anderen,
wenn gleich nicht einem andern Menschen, doch der
Menschheit überhaupt, indem sie die Rechtsquelle
unbrauchbar macht." Und wir ergänzten:
Eine spontane Äußerung zur Untermauerung der Antwort "Ja!" auf die Frage "Darf man lügen?" führte uns zu einem Fallbeispiel, das bereits Augustinus (354 - 430) in seine Überlegungen einbezogen hatte, aber zur gegenteiligen Antwort auf unsere Frage gekommen war. Bei der Untersuchung weiterer Fallbeispiele, die wir betrachteten, um so etwas wie eine Skala der akzeptablen und nicht mehr akzeptablen Lügen aufzustellen, griffen wir offensichtlich häufig auf utilitaristisches Gedankengut zurück, das aber z. B. von Augustinus entschieden zurückgewiesen wird. Einer der Hauptvertreter des Utilitarismus, John Stuart Mill (1806 - 1873), sagt über das Lügen: "So wäre es beispielsweise oft opportun zu
lügen, um einer zeitlich begrenzten Beschämung zu
entgehen oder um etwas zu erreichen, das einen
unmittelbaren Nutzen für uns oder andere besitzt.
Insofern jedoch die Kultivierung eines tiefen Gefühls
der Wahrhaftigkeit zu den nützlichsten Dingen und die
Schwächung dieses Gefühls zu den schädlichsten
gehören, zu denen unser Verhalten führen kann, fühlen
wir, daß die Verletzung einer Regel von solch
übergreifendem Nutzen um eines gegenwärtigen Vorteils
willen nicht opportun ist. Sogar eine ungewollte
Abweichung von der Wahrheit trägt zur Schwächung der
Zuverlässigkeit menschlicher Aussagen bei. Diese ist
aber die Hauptstütze alles gegenwärtigen sozialen
Wohlseins. Ihre Unvollkommenheit trägt außerdem mehr
als ein anderer nennenswerte Fehler zur Verhinderung der
Zivilisierung, der Tugend und all dessen bei, worauf das
menschliche Glück größtenteils beruht. Wer um seiner
eigenen oder eines anderen Bequemlichkeit willen dazu
beiträgt, die Menschheit eines Guts zu berauben und ihr
das Böse anzutun, das aus der größten oder kleineren
Verläßlichkeit resultiert, die die Menschen in ihre
gegenseitigen Versprechen legen, handelt wie einer der
ärgsten Feinde der Menschheit. Daß aber gerade diese
Regel, heilig wie sie ist, mögliche Ausnahmen erlaubt,
wird von allen Moralisten anerkannt. Die wichtigste
Ausnahme ist, wenn das Verschweigen einer Tatsache eine
Person vor großem und unverdientem Übel retten und
dieses Übel nur durch Verschweigen verhindert werden
kann (wie wir einem Bösewicht eine Information oder
einer schwerkranken Person eine schlechte Nachricht
vorenthalten). Damit diese Ausnahme jedoch nicht mehr als
notwendig verbreitet wird und auch nicht im geringsten
zur Schwächung des Vertrauens in die Wahrhaftigkeit
beiträgt, müssen wir sie erkennen und, wenn möglich,
ihre Grenzen festlegen. Wenn das Nützlichkeitsprinzip
für irgend etwas gut ist, dann muß es für das Abwägen
dieser widerstreitenden Nützlichkeiten gut sein und den
Bereich aufzeigen, in dem die eine oder andere
überwiegt." Da wir Menschen in der Regel im alltäglichen Leben "lügen, daß sich die Balken biegen", drängte sich irgendwann die Frage auf: "Kann man sich selbst belügen?" |
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