Sterben im Krankenhaus
Es klang mir die ganze Zeit in den Ohren, daß er sagte, er wolle endlich frei sein. Das war eines seiner letzten Worte. Kurze Zeit danach kam ein fremder Arzt herein, und ich sagte ihm, daß er ständig versuche, sich die Infusionsnadel herauszuziehen. Er sagte, dann müsse die Hand eben fixiert werden. Nein, sagte ich, ich möchte ihn lieber festhalten, das sei menschlicher. Ach, meinte der Arzt, das sei doch nicht praktikabel, ich könne doch nicht die ganze Zeit dableiben. Ich sagte, aber gewiß könne ich das. Kurz danach wurde ich wieder hinausgewiesen [ ]
Ich ging dann in eine Restauration beim Krankenhaus [ ] Ich saß die ganze Zeit und dachte und dachte. Mein einziger Gedanke war: "Laß ihn sterben, bitte, laß ihn sterben." [ ]
Ich weiß nicht, was sie mit N. gemacht haben. Sie waren also schon weit über eine Stunde mit ihm beschäftigt. Der glattgesichtige Arzt gab mir unmißverständlich zu verstehen, ich könne über Nacht nicht hier bleiben, ich könne am Abend noch einmal wiederkommen, aber es sei ausgeschlossen, daß ich im Krankenhaus bleibe. Ich sagte, ich möchte aber dabei sein, wenn er stürbe. [ ]
Der Arzt sagte: "Es ist ungewöhnlich, daß Sie beim Sterben dabei sein wollen. Die meisten Angehörigen vermeiden es." [ ]
nachdem ich fast 90 Minuten gewartet hatte, kam der glattgesichtige Arzt und sagte, ich könne nun kurz zu N. gehen. [ ] Als ich eintrat, leuchteten seine Augen auf, er sagte: "Endlich bist du da", und verlangte abermals von mir, die Infusionsnadel aus seiner Brust herauszunehmen. Er wechselte zwischen Erkennen und Verwirrtheit, genau so wie in den letzten Stunden. [ ] Ich erinnere mich nicht, daß wir noch ein Wort gewechselt hätten. Ich war höchstens eine Minute bei ihm, da bemerkte ich, wie seine rechte Hand heftig und unruhig und ängstlich und zerfahren über das Bettuch hin- und herrieb. Ich kannte diese Bewegung, er hatte sie schon mehrmals ausgeführt, nicht aber mit einer solchen Heftigkeit, und ich wußte, daß das Sterben oft solche Formen annimmt. [ ] Ich stand auf, ich legte ihm die Hand auf die Stirn und sagte zu ihm: "Fürchte dich nicht, fürchte dich nicht." Ich hatte es ihm die ganze Zeit schon sagen wollen. [ ] Meine Hand lag auf seiner Stirn. Ich nahm sie weg, er war ruhig. Jetzt konnte ich seine Augen sehen, die ich durch meine Hand bedeckt hatte. Sie waren gebrochen. N. war tot. [ ]
Das alles spielte sich innerhalb einer Viertelminute ab. Draußen hatte eine Schwester die Unruhe des Sterbenden bemerkt, sie rief die Ärzte. Ich hatte gerade seine gebrochenen Augen gesehen, als sie hereinstürzten und mich schlechtweg hinauswarfen. Der glattgesichtige Arzt rief: "Gehen Sie ganz schnell raus. Gehen Sie ganz schnell raus!" Ich ließ mich hinauswerfen. Ich ließ mich zwingen, N. zu verlassen. Ich ging davon wie ein geprügelter Hund. [ ] Als ich N. verließ, sah ich, daß noch ein winziges Zucken über das EKG ging. Ich setzte mich abermals draußen hin, Tränen liefen mir über die Wangen. [ ] Aus N.s Zimmer stürzte ein fremder Arzt heraus, lief zu einem Schreibtisch, holte ein Medikament, ich sagte: "Lassen Sie ihn doch um Gottes willen tot. Was tun Sie denn, damit dieser Mann nicht sterben kann?" [ ]
Zum letzten Mal trat ich in das Zimmer. N. war tot. Er hatte sich ihnen entzogen, er war frei. Sie hatten ihm die Augen zugedrückt. Nicht einmal diesen Liebesdienst hatten sie mir überlassen [S. 119 123, ]
Die Erfahrung des Sterbens war die größte Gemeinsamkeit, die uns beiden zuteil geworden ist, größer als alle Erfahrungen der Ehe, als die Umarmung, als die Zeugung, als die Geburt und das Glück und die Sorge mit den Kindern, als der Tod unseres Sohnes. Es war das absolut Wichtigste, das ich in meinem Leben erlebt habe. [S. 138]
aus: Rudolf Kautzky (Hrsg.): Sterben im Krankenhaus. Aufzeichnungen über einen Tod, Freiburg im Breisgau 31976, S. 119 ff., 138