Der nachfolgende Text konnte aus Zeitmangel noch nicht für die Präsentation im Internet aufbereitet werden. Es fehlen wesentliche Inhalte, weil z. B. sämtliche Anmerkungen nicht aufgenommen wurden.
11.4 Das Osmanische Kalifat (1517 1924)
Nachdem die Mongolen 1258 die Reste des einstmals bedeutenden Islamischen Reiches wie so viele andere Staaten hinweg gefegt hatten, entstand im 14. bis 16. Jahrhundert aus kleinen Anfängen ein neues islamisches Weltreich, das Osmanische Reich. Zur Zeit der Einführung des Osmanischen Kalifats (angeblich) im Jahre 1517 besaß das Osmanische Reich zwar noch nicht seine größte Ausdehnung, umfaßte allerdings mit Ausnahme großer Teile der Arabischen Halbinsel, die jedoch nicht zum Stammland der Moslems gehören und auch später nicht von den Osmanen erobert wurden, bereits die wesentlichen Gebiete des ursprünglichen Islamischen Reiches.
Die genauen Umstände, warum Selim I. sich Kalif nennen konnte, werden vermutlich nie mehr eindeutig geklärt werden können. Sicher ist nur, daß die Osmanen im Jahre 1517 die Mamluken in der Nähe von Kairo vernichtend schlugen, so daß kurz darauf Ägypten und mit ihm die mamlukischen Teile der Arabischen Halbinsel vor allem die heiligen Stätten des Islam, Mekka und Medina, in ihre Hände fielen. Sicher ist auch, daß dabei der letzte in Kairo ohne jegliche Machtbefugnisse amtierende abbasidische Kalif nach Istanbul gebracht wurde und sich dort seine Spur in den Folgejahren (spätestens nach 1543) jedoch ebenso verliert wie die der Abbasiden überhaupt. Selim I. soll vom diesem letzten abbasidischen Kalifen den Titel und die Insignien des Kalifen, das Schwert und den Umhang des Propheten, erhalten haben.

Osmanisches Reich
Selims I. militärische Erfolge beruhten auf einer Reform des osmanischen Heeres. So ließ er die Artillerie modernisieren, brach die Macht der Janitscharen und begann mit dem Aufbau einer eigenen Flotte. Mit seinen Reformen legte er den Grundstein für die osmanischen Erfolge gegen die europäischen Mächte in den folgenden Türkenkriegen. In den acht Jahren seiner Regentschaft gelang es Selim I. das Osmanische Reich um das 2,8-fache seiner Fläche zu vergrößern.
Unter seinem Sohn und Nachfolger Süleyman I. erreichte das Osmanische Reich seine historisch wahrscheinlich höchste Bedeutung. Die Verweigerung des bei einem Thronwechsel üblichen Tributs gab ihm den Vorwand zum ersten von 13 Feldzügen, die er unternahm. Der erste führte gegen Ungarn, in dessen Verlauf er Schabatz, Semlin und 1521 Belgrad eroberte. 1522 griff er die Insel Rhodos an, die noch im gleichen Jahr kapitulierte. 1526 zog er erneut gegen Ungarn, siegte in der Schlacht bei Mohács, worauf Ungarn zwischen dem Osmanischen und dem Habsburgischen Reich aufgeteilt wurde. Nach Unterdrückung eines Aufstandes in Kleinasien unternahm er 1529 einen dritten Feldzug nach Ungarn und drang bis Wien vor.
Seine nächste Stoßrichtung war Persien. Bereits im Jahre 1533 sandte er ein Heer unter Großwesir Ibrahim nach Asien, wo die Festungen Ardschisch, Ahlat und Van fielen und 1534 die persische Hauptstadt Tabriz eingenommen wurde. Bagdad folge noch im selben Jahr.
Währenddessen hatte Süleymans I. Flotte den Spaniern 1533 Koroni genommen und 1534 Tunis unterworfen, das aber ein Jahr später durch eine Expedition Karls V. wieder verloren ging.
1541 unterwarf Süleyman I. mehr als die Hälfte Ungarns. 1547 wurde ein fünfjähriger Waffenstillstand mit dem Habsburgischen Reich geschlossen, nach welchem Süleyman I. einen jährlichen Tribut von 50.000 Dukaten erhielt. Das verschaffte ihm die finanziellen Mittel einen zweijährigen Krieg gegen Persien zu unternehmen. 1551 kam es erneut zu einem Krieg in Ungarn, an dessen Ende erst 1562 ein Frieden geschlossen wurde. Mit über 70 Jahren brach Süleyman I. 1566 zu einem weiteren Feldzug gegen Ungarn auf, starb aber während einer Belagerung eines natürlichen Todes.
Während der folgenden rund 200 Jahre nach dem Tode Süleymans I. bis zum 5. Russischen Türkenkrieg (1768 1774) mußten sich die osmanischen Sultane zahlreicher kriegerischer Auseinandersetzungen mit wechselndem Erfolg annehmen, wobei sie selbst ebenso häufig der Auslöser waren, wie die jeweiligen Gegner. Als ernüchterndes Fazit mußte festgehalten werden, daß trotz der teuren und verlustreichen Kriege keine wesentliche Änderung des Territoriums zu verzeichnen war: Ein Hinweis darauf, daß von einer Überlegenheit des Osmanischen Reiches keine Rede mehr sein konnte. Im 5. Russischen Türkenkrieg mußte der osmanische Sultan sogar endgültig erkennen, daß die Weltmachtstellung des Osmanischen Reiches verloren war. Daran änderten auch Reformen von Militär und Verwaltung mit Hilfe europäischer Berater nichts wesentliches. Spätestens ab Mitte des 19. Jahrhunderts geriet das Osmanische Reich zur "orientalischen Frage", womit die Diskussion zwischen den europäischen Großmächten Österreich, England und Frankreich einerseits und Rußland andererseits über das Fortbestehen des Osmanischen Reiches gemeint ist. Das Osmanische Reich war also zwischenzeitlich zum Spielball der europäischen Großmächte geworden, die sich im Falle Rußlands gern nach Süden und Westen ausbreiten wollten und im Falle der übrigen Staaten dieses Expansionsstreben mit Argwohn beäugten. Vor allem England stand im Konflikt mit Rußland beim "Great Game" um die Verbindungswege nach Zentralasien. Als dann 1876 noch der Staatsbankrott des Osmanischen Reiches hinzu kam, hielten die europäischen Großmächte den "Kranken Mann am Bosporus" nur noch deshalb aufrecht, weil sie sonst ihre jeweiligen Ansprüche auf die osmanischen Reichsgebiete hätten in einem europaweiten Krieg ausfechten müssen. Das geschah dann im Rahmen des Ersten Weltkriegs und es ist nicht verwunderlich, daß das Osmanische Reich im Zuge dieser Auseinandersetzungen zu existieren aufhörte. Dazu trugen auch Unruhen im Inneren z. B. durch die Jungtürken bei. Der Friedensvertrag zwischen den Osmanen und den Siegermächten von 1919 führte allerdings aufgrund seiner für die Türken nicht akzeptablen Bedingungen zu einem Befreiungskrieg unter Mustafa Kemal. Noch während der Verhandlungen zu einem neuen Vertrag im Jahre 1922 wurde die Republik Türkei auf verkleinertem Gebiet ausgerufen, das Osmanische Reich aufgelöst und das Sultanat abgeschafft. Gleichzeitig mit der Absetzung des letzten Sultans Mehmed VI. wurde sein Cousin und Thronfolger Abdülmecit II. von der türkischen Nationalversammlung zum Kalifen gewählt und amtierte in rein religiösen Funktionen noch bis 1924. Dann wurde von Kemal Atatürk auch das Kalifat abgeschafft.
Die Abschaffung des zumindest auf dem Papier vom Jahre 632 an ununterbrochenen Kalifats war ein revolutionärer Einschnitt, den viele Sunniten kaum verschmerzen konnten. Noch jahrelang diskutierten moslemische Intellektuelle weltweit über die Notwendigkeit der Wiedereinführung des Kalifen-Amtes, aber auch über die Probleme, einen künftigen Träger dieses Amtes angemessen auszuwählen.
Zu einer Entscheidung über diese Fragen kam es bis heute nicht. Das wird vor allem daran deutlich, daß alle unmittelbar nach der Absetzung des letzten osmanischen Kalifen unternommenen Versuche, einen Nachfolger einzusetzen, in der islamischen Welt auf geringe Akzeptanz stießen. So ernannte sich z. B. ein arabischer Fürst, der schon früher gegen die Osmanen revoltiert und gekämpft hatte, zum Nachfolger des letzten osmanischen Kalifen. Oder: Bereits am 1924 legte sich der Haschemiten-König von Hedschas, Hussein ibn Ali, der aus der Familie des Propheten Mohammeds stammte und der damalige Beherrscher der heiligen Städte Mekka und Medina war, den Kalifen-Titel zu. Selbst dieses haschemitische Kalifat obwohl sicherlich besser begründet als das osmanische wurde in der islamischen Welt nicht anerkannt. Im Gegenteil: Schon die benachbarte arabische, streng islamische Dynastie der Al-Saud fühlte sich durch diesen Schritt des Haschemiten so sehr herausgefordert, daß sie unverzüglich einen Eroberungskrieg gegen das Hedschas eröffnete. Noch 1924 dankte der überforderte Hussein als Kalif und König zugunsten seines Sohnes Ali ab, der jedoch nicht verhindern konnte, daß die Haschemiten 1925 von den Saudis aus dem Hedschas endgültig vertrieben wurden. Die beiden selbsternannten haschemitischen Kalifen starben 1931 bzw. 1935 im irakischen Exil.