Der Hochstapler Felix Krull über die Gespräche,

"... die ich mit Zouzou am Tennisplatz, oder wenn wir bei Ausflügen zu zweien gingen, führte und die unerhört genug waren. Sie waren es dank ihrem Grundsatz »Schweigen ist nicht gesund«, ihrer phänomenalen, gänzlich aus dem Rahmen des Akzeptierten fallenden Direktheit – und dank dem Gegenstande, an dem diese Umschweiflosigkeit sich bewährte: dem Thema der Liebe, zu dem sie bekanntlich »Pfui« sagte. Ich hatte deswegen meine liebe Not mit ihr, denn ich liebte sie ja und gab ihr das auf alle Weise zu verstehen, und sie verstand es auch, aber wie! Die Vorstellungen, die dieses reizende Mädchen von der Liebe hegte, waren höchst seltsam und komisch verdächtigend. Sie schien darin etwas wie das heimliche Treiben unartiger kleiner Buben zu sehen...

»Da machen Sie mir wieder den Hof, Louis..., raspeln Süßholz und sehen mich dringlich – oder soll ich sagen zudringlich? nein, ich soll sagen: liebevoll, aber das ist ein Lügenwort – mit Ihren blauen Augen an... Und was wollen Sie? Worauf haben Sie’s abgesehen bei Ihren schmelzenden Worten und Blicken? Auf etwas unsagbar Lächerliches, Absurdes und Kindisch-Unappetitliches... Sie wollen, ich soll dareinwilligen, daß wir uns umschlingen, der eine Mensch den anderen, von der Natur sorgsam von ihm getrennten und abgesonderten, und daß Sie Ihren Mund auf meinen drücken, wobei unsere Nasenlöcher kreuzweis stehen und einer des anderen Atem atmet, eine widrige Unschicklichkeit und nichts weiter, doch zum Genuß verdreht durch die Sinnlichkeit – so nennt man das, ich weiß es wohl, und was das Wort meint, ist ein Sumpf von Indiskretion, worein ihr uns locken wollt, damit wir mit euch darin von Sinnen kommen und zwei gesittete Wesen sich aufführen wie Menschenfresser...«

[...] »Zouzou, Sie tun mir recht weh, ... wie reden Sie von der Liebe und von dem, worauf sie hinauswill! Die Liebe will auf gar nicht hinaus, sie will und denkt nicht über sich selbst hinaus, sie ist nur sie selbst und ganz in sich selbst verwoben – lachen Sie nicht..., daß ich mich absichtlich poetischer – und das heißt einfach anständiger – Worte bediene im Namen der Liebe, denn sie ist grundanständig... Ich bitte Sie, wie reden Sie vom Kuß, dem zartesten Austausch der Welt, stumm und lieblich wie eine Blume! Diesem unverhofften ganz wie von selbst Geschehen, dem süßen Sichfinden zweier Lippenpaare, über das das Gefühl nicht hinausträumt, weil es die unglaubhaft selige Besiegelung ist seiner Einigkeit mit einem anderen!«

[...] »Patatípatatá!« machte sie. » Umsponnen und verwoben und der liebliche Blumenkuß! Alles nur Süßholzraspel, um uns in euere Bubenlasterhaftigkeit hineinzuschwatzen! Pfui, der Kuß, der gar zarte Austausch! Er macht den Anfang, den rechten Anfang, mais oui, denn eigentlich ist er das Ganze schon, toute la lyre, und gleich das Schlimmste davon, denn warum? Weil es die Haut ist, was eure Liebe im Sinn hat, des Körpers bloße Haut, und die Haut der Lippen ist allerdings zart... und daher das poetische Sichfinden der Lippenpaare – die wollen auch sonst überallhin in ihrer Zartheit, und worauf ihr aus seid, das ist, mit uns zu liegen nackt, Haut an Haut, und uns das absurde Vergnügen lehren, wie ein armer Mensch des anderen dunstige Oberfläche abkostet mit Lippen und Händen, ohne daß sie sich schämten der kläglichen Lächerlichkeit ihres Treibens...«

[...] »Wenn man die Liebe mit neuen Augen ansieht, gleichwie zum ersten Mal, was für eine rührende und ganz erstaunliche Sache ist sie dann! Sie ist ja nicht mehr und nicht weniger als ein Wunder! Ganz zuletzt, im großen-ganzen und in Bausch und Bogen ist alles Dasein ein Wunder, aber die Liebe, nach meinem Dafürhalten, ist das größte. Sie sagten..., die Natur habe den einen Menschen vom anderen sorgsam getrennt und abgesondert. Sehr zutreffend und nur zu richtig. So ist es von Natur und in der Regel. Aber in der Liebe macht die Natur eine Ausnahme – höchst wundersam, wenn man es mit neuen Augen betrachtet. Bemerken Sie wohl, es ist die Natur, die diese erstaunliche Ausnahme zuläßt oder vielmehr veranstaltet... Es ist wahr: der Mensch lebt gesondert und abgetrennt vom anderen in seiner Haut, nicht nur, weil er muß, sondern weil er es nicht anders will. Er will so abgesondert sein, wie er ist, will allein sein und will vom anderen im Grunde nichts wissen. Der andere, jeder andere in seiner Haut, ist ihm recht eigentlich widerlich, und nicht widerlich ist ihm ausschließlich und ganz allein die eigene Person. Das ist Naturgesetz, ich sage es, wie es ist. Sitzt er nachdenkend am Tisch, stützt den Ellbogen auf und den Kopf in die Hand, so legt er wohl ein paar Finger an die Wange und einen zwischen die Lippen. Gut, es ist sein Finger und sind seine Lippen, und also was weiter? Aber den Finger eines anderen zwischen den Lippen zu haben, wäre ihm unausstehlich, es würde ihm schlechthin zum Ekel gereichen. Oder nicht? Auf Ekel läuft überhaupt grundsätzlich und von Natur sein Verhältnis zum anderen hinaus. Dessen leibliche Nähe, wird sie allzu bedrängend, ist ihm fatal aufs äußerste. Er würde lieber ersticken, als der Nähe fremder Leiblichkeit seine Sinne zu öffnen. Es nimmt darauf unwillkürlich auch jeder Rücksicht in seiner Haut...

[Aber] nun tritt etwas ein, womit die Natur von dieser ihrer Grundveranstaltung dermaßen überraschend abweicht, etwas, wodurch das ganze ekle Bestehen des Menschen auf Sonderung und Alleinsein mit seiner Leiblichkeit, das eherne Gesetz, daß jeder ausschließlich sich selbst nicht widerlich ist, so völlig und wundersam aufgehoben werden, daß einer, der sich die Mühe nimmt, es zum ersten Male zu sehen ... vor Staunen und Rührung die Zähre rinnen kann...

[...] Welche Abweichung der Natur von sich selbst ist das, und was ist es, was zum Staunen des Weltalls die Sonderung aufhebt zwischen einer Leiblichkeit und der anderen, zwischen Ich und Du? Es ist die Liebe. Eine alltägliche Sache, aber ewig neu und bei Lichte besehen nicht mehr und nicht weniger als unerhört. Was geschieht? Zwei Blicke treffen sich aus der Getrenntheit, wie sonst nie Blicke sich treffen. Erschrocken und weltvergessen, verwirrt und etwas von Scham getrübt über ihre völlige Verschiedenheit von allen andern Blicken, aber von dieser Verschiedenheit durch nichts in der Welt abzubringen, sinken sie ineinander... Ein wenig schlechtes Gewissen ist dabei, – worauf es sich bezieht, das lasse ich dahingestellt sein... Auf jeden Fall ist es das süßeste schlechte Gewissen, das überhaupt vorkommt, und mit ihm in den Augen und Herzen gehen die beiden plötzlich aus aller Ordnung Herausgehobenen unverwandt aufeinander zu. Sie sprechen zusammen in der gewöhnlichen Sprache über dies und jenes, aber sowohl dies wie jenes ist Lüge, ebenso auch die gewöhnliche Sprache... Der Eine blickt auf das Haar, die Lippen, die Glieder des Anderen, und dann schlagen sie rasch die verlogenen Augen nieder oder wenden sie ab irgendwohin in die Welt, wo sie nichts zu suchen haben und überhaupt nicht sehen, da beider Augen blind sind für all und jenes außer ihnen beiden. Dieselben verstecken sich auch nur in der Welt, um alsbald wieder desto glänzender zu den Haaren, den Lippen, den Gliedern des Anderen zurückzukehren, denn das alles hat gegen alle Üblichkeit aufgehört, etwas Fremdes und mehr als Gleichgültiges, nämlich Unangenehmes, ja Widerwärtiges zu sein, weil es nicht des Einen, sondern des Anderen ist, und ist zum Gegenstand des Entzückens, der Begierde, des rührenden Verlangens nach Berührung geworden...

[...] Nicht lange, so kommt denn auch der Augenblick, wo die enthobenen Leutchen der Lüge und des Gefackels mit dem und jenem... zum Sterben satt sind, wo sie das alles abwerfen, als würfen sie schon ihre Kleider ab... und damit sinken, man kann auch sagen: tauchen ihre Lippen ineinander zum Kuß... Ich gebe es zu, ich gebe es zu mit der lebhaftesten Sympathie, daß er der Anfang ist von allem übrigen und weiteren, denn er ist die stumme, erstaunliche Aussage, daß Nähe, nächste Nähe, Nähe, so grenzenlos wie möglich, genau jene Nähe, die sonst lästig bis zum Ersticken war, zum Inbegriff alles Wünschenswerten geworden ist. Die Liebe, Zouzou, tut durch die Liebenden alles, sie tut und versucht das Äußerste, um die Nähe grenzenlos, um sie vollkommen zu machen, um sie bis zum wirklichen, völligen Einswerden von zweierlei Leben zu treiben, was ihr aber komischer – und traurigerweise bei aller Anstrengung niemals gelingt.

[...] Die Liebe, liebe Zouzou, ist nicht nur in der Verliebtheit, worin erstaunlicherweise eine gesonderte Leiblichkeit aufhört, der anderen unangenehm zu sein. In zarten Spuren und Andeutungen ihres Daseins durchzieht sie die ganze Welt. Wenn Sie an der Straßenecke dem schmutzigen Bettlerkind, das zu Ihnen aufblickt, nicht nur ein paar Centavos geben, sondern ihm auch mit der Hand... übers Haar streichen, obgleich wahrscheinlich Läuse darin sind, und ihm dabei in die Augen lächeln, worauf Sie etwas glücklicher weitergehen, als Sie vorher waren, – was ist das anderes als die zarte Spur der Liebe?"

aus: Thomas Mann: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Der Memoiren erster Teil, Frankfurt am Main 81971 [1954], S. 277 – 286

Aufgaben zum Text:
  • Zouzou beschreibt sehr anschaulich den Kuß. Ist ihre Beschreibung aus physischer Sicht zutreffend?
  • Zu Beginn ihrer Beschreibung des Kusses bezeichnet Zouzou das Wort "liebevoll" als Lügenwort.
    Mit welcher Begründung meint sie das tun zu dürfen?
  • Offensichtlich kann Zouzou einem Kuß nichts erfreuliches oder gar begehrenswertes abgewinnen.
    Auf welcher Einstellung beruht diese Ablehnung?
  • Felix vertritt ebenso offensichtlich eine andere Einstellung zum Kuß, den Liebende austauschen, als Zouzou.
    Welche Bedeutung besitzt für ihn ein solcher
    Kuß?
  • Zouzou bezeichnet die Menschen als "von Natur aus sorgsam getrennt und abgesondert". Felix pflichtet ihr bei, indem er sehr anschaulich zwischen dem "Ich" und dem "Du" unterscheidet. Charakterisiere seine Auffassung über die "Nähe" eines Menschen zu anderen Menschen.
  • In einer Szene schildert Felix zwar jemanden, der seinen eigenen Finger in den Mund nimmt, aber niemals auf den Gedanken käme, einen fremden Finger zwischen seine Lippen zu nehmen. Wessen Finger würdest Du in Deinen Mund nehmen?
  • Für Felix ist der Kuß zwischen Liebenden nicht der Anfang. Formuliere mit eigenen Worten wie sich Liebende seiner Ansicht nach finden.
    Trifft diese Beschreibung zu?
  • Was folgt aus der Sicht von Felix nach dem Kuß, wenn sich zwei Menschen lieben?
  • Felix betrachtet die Liebe als das größte Wunder der Natur.
    Mit welcher Begründung meint er das tun zu dürfen?
  • In seiner ausführlichen und anschaulichen Beschreibung nennt Felix einige Merkmale der Liebe.
    Welche Merkmale führt er auf?
  • Liebe behauptet Felix, durchzieht die ganze Welt. Welche Liebe meint er?