Was ist Liebe?
"Ist sie ein Gefühl? Ist sie eine Menge von Aktivitäten? Oder ist sie vielleicht von ganz anderer Art? Selbst diejenigen, die sich im Zustand intensiver Liebe befinden, können darüber nicht ohne weiteres Auskunft geben. [...] Gibt es einen Unterschied zwischen Liebe und Verliebtheit? Wie verhält sich die Liebe zu Zuneigung, Freundschaft und Ergebenheit? Lieben wir den Körper der Geliebten oder ihre Seele? Ist Liebe eine kosmische Kraft oder ein naturgesetzlicher Mechanismus? Ist sie Besitzstreben oder im Gegenteil ein Geschenk an den Geliebten? [(S. 13)]"
Diese Fragen versucht Kai Buchholz mit Hilfe von Auszügen aus den Werken des Schriftstellers Hermann Hesse (1877 - 1962) und der Philosophen Platon (428/427 - 348/347 v. Chr.), René Descartes (1596 - 1650), Helmut Kuhn (1899 - 1991) und John Boyd Wilson (1928 - 2003), der eine Checkliste für die Liebe entwickelte, einer Antwort näher zu bringen. Nur, um in einem zweiten Schritt die naheliegende Frage nach dem "Warum wir lieben" aufzuwerfen.
"Wir sind frisch verliebt... die Person, die jetzt im Mittelpunkt unseres Lebens steht, weiß vielleicht noch gar nichts davon. Es begann mit einem Lächeln, das uns aus heiterem Himmel verzauberte, mit einer zufälligen Begegnung in der U-Bahn, mit einer gemeinsamen Schneeballschlacht oder mit ganz etwas anderem. Auf jeden Fall hat sich unsere Welt mit einem Schlag verändert wir sind im Ausnahmezustand. Wie konnte das passieren? Wir fragen uns: »Warum gerade er?« oder: »Warum gerade sie?« [...] Ist die Wahl unserer Liebesobjekte ein Spiegel unserer eigenen Persönlichkeit? Sind es die Wertschätzungen unserer Familie, unseres Umfeldes oder unserer Kultur, die uns bestimmten Personen in die Arme treiben? Oder müssen wir nur in uns gehen, unseren Liebesimpulsen geduldig nachspüren, um zutage zu fördern, aus welchen Motiven wir uns für den einen und gegen den anderen entschieden haben? [(S. 67 f.)]"
Die Schriftsteller Guy de Maupassant (1850 - 1893) und Stendhal (eigentlich Marie-Henri Beyle, 1783 - 1842) sowie den Philosophen David Hume (1711 - 1776) bemüht Kai Buchholz um Aufklärung über die aufgeworfenen Fragen nach dem "Warum?", während die Philosophen José Ortega y Gasset (1883 - 1955) und Hugh LaFollette (* 1948) untersuchen, welche Faktoren unsere Liebeswahl beeinflußen.
Die Paarbeziehung findet selten ausschließlich im Verborgenen statt und kaum etwas erregt die Gemüter der Mitmenschen so sehr, wie das Liebesleben anderer Personen. Das Paar in der Gesellschaft verhält sich anders, als einzelne:
"Sprudeln die intensiven Gefühle, Vorstellungen und Wünsche, die sich einstellen, wenn wir verliebt sind, wirklich aus dem Kern unserer ureigenen Persönlichkeit hervor oder hängen sie vielleicht selbst von Traditionen ab, in die wir erst hinein geboren wurden? Richtet sich unsere Gefühlswelt möglicherweise einfach nur nach dem Modell der unzähligen Liebesromane und Filmromanzen, denen man sich als Mensch heutzutage kaum entziehen kann? Oder ist die Idee der individuellen romantischen Liebe nichts anderes als ein Ausdruck des bürgerlichen Zeitalters mit seiner besonderen Wertschätzung der individuellen Unterschiede zwischen den Menschen? [(S. 186 f.)]"
Dazu haben sich u. a. die Soziologen Ulrich Beck (* 1944) und Elisabeth Beck-Gernsheim (* 1946) ihre Gedanken gemacht und sind zu dem Schluß gekommen, daß die Idee der romantischen Liebe sich heute zu einem ganz normalen Chaos der Liebe entwickelt hat. Naheliegend ist deshalb die Frage nach Sinn und Wert der Liebe für das menschliche Leben:
"Wer längere Zeit hindurch unglücklich verliebt ist oder wer die Erfahrung gemacht hat, daß sich auch eine große Liebe am Ende in eine große Enttäuschung verwandeln kann, fragt sich hin und wieder, wozu die Liebe überhaupt gut ist. Hat sie einen bestimmten Platz im menschlichen Leben? Ist sie ein segensreiches Geschenk oder eher eine Gefahr für die Seelenruhe? Verschafft sie dem Menschen Glück oder Schmerzen? [...] Führt Liebe wirklich dazu, daß aus zweien eins wird, oder deckt die Nähe der Liebe vielleicht statt dessen auf, daß der andere mir immer fremd bleibt, so nah ich ihm auch komme? [(S. 323 f.)]"
Tiefe Einblicke in das aufgewühlte Gefühlsleben einer unglücklich Verliebten gewähren zum Beispiel die Liebesbriefe der Schwester Marianna Alcoforado.
"Die meisten Menschen begreifen die Liebe als etwas, das ihnen widerfährt und das sie selbst nicht steuern können. Diese weit verbreitete Einstellung ist eigentlich verwunderlich, denn auch in anderen Zusammenhängen, in denen uns etwas widerfährt... bemühen wir uns aktiv, das Beste aus unserer Situation zu machen... So gesehen sollte die Frage »Kann man lieben lernen?« kein Erstaunen hervorrufen... [(S. 375)]"
Zitate aus: Kai Buchholz (Hrsg.): Liebe. Ein philosophisches Lesebuch, München 2007