"Ebenso wie Hunde und Katzen haben wir ein Bewußtsein. Wie sie besitzen wir Sinneseindrücke, Gefühle und Wünsche. Wie sie haben wir Überzeugungen und einen sich ändernden Informationsschatz. Aber im Gegensatz zu ihnen besitzen wir ein Selbstbewußtsein sowie die Fähigkeit, zwischen dem Selbst und dem Anderen zu unterscheiden. Wir haben eine Vorstellung von der Vergangenheit und der Zukunft ebenso wie von der Gegenwart, vom Möglichen und Unmöglichen ebenso wie vom Wirklichen. Bei unserem Handeln und Denken unterscheiden wir zwischen der Welt, wie sie wirklich ist, und der Welt, wie sie erscheint, und stets unterscheiden wir unsere eigenen Interessen und Wünsche von denen anderer Menschen und anderer Tiere.
Wir Menschen treffen freie Entscheidungen auf der Grundlage einer bewußten Beurteilung von Alternativen. Wir bewerten und kritisieren unsere Handlungen gegenseitig. Wir üben über unser Leben eine Souveränität aus, die zu respektieren wir von anderen verlangen und die wir im Gegenzug ebenso respektieren müssen. Wir sind für unsere Handlungen verantwortlich und versuchen, unsere Konflikte nicht gewaltsam, sondern einvernehmlich zu lösen. Kurz: Wir sind moralische Wesen. [...]
Hunde, Katzen und Pferde sind keine moralischen Wesen ... Hunde und Katzen können nicht Teil einer [moralischen] Gemeinschaft sein: Sie sind nicht die Art von Wesen, die Streitigkeiten durch Dialog beilegen können, die Souveränität über ihr Leben ausüben und die Souveränität anderer respektieren können, die dem Ruf der Pflicht folgen oder in einer Vertrauenssache Verantwortung übernehmen können. Sie geben keinerlei Urteil ab. [...]
Tiere zeigen zwar mitgefühlsähnliche Reaktionen im Sinne von Reaktionen, die von den Gefühlsregungen der Menschen in ihrer nächsten Nähe ausgelöst werden, besitzen aber kein Mitgefühl. Denn Mitgefühl beruht auf einer Vorstellung des Selbst und des Anderen und auf der Unterscheidung zwischen ihnen."
aus: Roger Scruton: Die Quellen moralischen Denkens, übersetzt von Alexander Zehmisch, in: Texte zur Tierethik, hrsg. von Ursula Wolf, Stuttgart 2008, S. 164 167