Noch einmal deine Stimme hören

von Justine Picardie

"Obwohl Therapeuten mir jahrelang einzureden versucht haben, ich müßte doch eifersüchtig auf Ruth gewesen sein, kann ich mich nicht erinnern, je etwas anderes als Liebe für sie empfunden zu haben. Mein Baby, meine Schwester, mein Kamerad. Ruth und ich, ich und Ruth Arm in Arm gegen den Rest der Welt." [S. 44]

"Wenn jemand stirbt, verschwindet er nicht unbedingt aus unserem Leben. Wir haben eine Beziehung zu ihm, eine Beziehung, die sich verändert, in der seine Stille einen Platz findet. Wir leben weiter, und er kommt mit. Wir lassen einander nicht zurück." [S. 180]

"Die heile Welt, in der keine Beerdigungen, sondern Geburtstage gefeiert werden und in der auch ich bis vor kurzem zu Hause war, ist nicht besonders interessiert an [parapsychologischen] Aktivitäten ... [, um den Kontakt zu den Verschwundenen nicht zu verlieren]. Ich hingegen fühle mich immer stärker von diesem Bereich des Lebens angezogen (in dem der Tod nicht ausgegrenzt wird und man vielmehr an den Rand des Abgrunds treten und hinabschauen kann)." [S. 188]

"Wenn ich von meiner Schwester träume, was fast jede Nacht geschieht, sagt sie nicht viel. Ostersonntag träume ich kurz vor Tagesanbruch, als Jesus mit Sicherheit aufersteht, daß ich meine Schwester auf einer Party treffe. »Ich dachte, du bist tot!«, sage ich.

»Nein, ich bin nur nach Amerika verreist«, sagt sie ausweichend.

»Aber ich habe deine Leiche gesehen. Ich war auf der Beerdigung und habe den Sarg gesehen. Du bist eingeäschert worden.«

»Hm«, sagt sie provozierend.

»Und war ist mit den Kindern?«, frage ich sie. »Wie konntest du einfach nach Amerika verreisen und Lola und Joe zurücklassen? Sie haben dich so sehr vermißt! Ich habe dich auch sehr vermißt! Wie konntest du das nur tun?«" [S. 12]

"… meine Versuche mit Therapeuten waren bisher nicht sehr erfolgreich. [Deshalb suchte ich] … nach Antworten im Dictionary of Superstitions [= "Wörterbuch des Aberglaubens"]. [… Aber] … das Abtauchen ins Unterbewußte wurde immer anstrengender und unerträglicher für mich. Prozac ist erheblich angenehmer; außerdem habe ich mich selbst satt; ich habe den Kummer satt; ich habe es satt, mich selbst trübseliges, unsinniges Zeug reden zu hören, während ich eigentlich Ruth hören möchte." [S. 17]

"Ich träume wieder von Ruth. (Wohin führen diese Träume? Ich glaube, wenn man jemanden immer noch liebt, muß die Liebe ein Ziel haben und Ausdrucksmöglichkeiten finden, selbst wenn der Gegenstand dieser Liebe tot und im Dunkel der Vergangenheit verschwunden ist …" [S. 114]

"Ich habe wieder die entscheidenden Szenen unseres gemeinsamen Lebens vor Augen (wie ich ihr die Hand halte, als ihre Zwillinge durch einen rettenden Kaiserschnitt auf die Welt geholt werden; wie ich ihre Hand halte, als sie die Kinder zwei Jahre später kurz vor ihrem Tod zum Abschied küßt). Aber ich kann mir ihre Stimme nicht vergegenwärtigen, und diese Stille macht mich wahnsinnig." [S. 9]

"Mit Stille hatte ich nicht gerechnet. Wir hatten immer so viel miteinander geredet. Sie war ebenso meine beste Freundin wie meine Schwester: knapp drei Jahre jünger als ich, das Kind, das ich beschützen mußte, als ich selbst noch klein war (auch meine Eltern waren gerade erst erwachsen), und am Ende konnte ich sie nicht beschützen. Als wir wußten, daß sie sterben würde, weil sich der Krebs auf Lunge und Leber ausgebreitet hatte, sprachen wir davon, daß wir immer miteinander reden würden, selbst nach ihrem Tod. [… Es] erschien … uns unmöglich, daß je Stille zwischen uns herrschen sollte, daß unsere Stimmen an Fleisch und Blut gebunden sein sollten.

Doch in den Wochen nach ihrem Tod konnte ich nichts hören. Nachts, wenn ich zu Bett ging, waren da nur meine eigenen erstickten Schreie oder die Erinnerung, die ich abzublocken versuchte und die dennoch meinen Kopf ausfüllte: an die qualvolle Atemnot ihrer letzten Nacht, als sie um das rang, was ihr noch an Leben geblieben war." [S. 10]

aus: Justine Picardie: Noch einmal deine Stimme hören. Leben nach dem Tod meiner Schwester, übersetzt von Erika Ifang, Hamburg 2002
[Originalausgabe „If the Spirit Moves you. Life and Love After Death, London 2001]