"Philosophieren heißt sterben lernen
[...]
Wenn wir uns [vom Tod] ängstigen lassen, wird er zum Quell unaufhörlicher Qualen, die durch nichts zu lindern sind. Es gibt dann keinen Ort, wo er uns nicht auflauerte; wir mögen den Kopf noch so sehr wie in Feindesland hin und her wenden stets hängt er gleich dem Felsbrock des Tantalos über uns. [ ]
Das Ziel unserer Laufbahn ist der Tod auf ihn sind unweigerlich unsre Blicke gerichtet. Wie können wir, wenn er uns Angst und Schrecken einjagt, auch nur einen Schritt ohne Schaudern nach vorne tun? Der Notbehelf des gemeinen Volks besteht darin, nicht an ihn zu denken. [ ]
Die Menschen, sie kommen, sie gehen, sie
trotten, sie tanzen und vom Tod kein Wort. So weit, so
gut. Dann aber, wenn er sie ereilt, sie selbst oder ihre Frauen,
Kinder und Freunde, plötzlich und hinterrücks, welch Jammern
und Heulen, welche Wut und Verzweifelung brechen da hervor und
überwältigen sie! Hat man je etwas derart Verwandeltes, derart
Verstörtes, derart Mutloses gesehn?
Man muß sich daher beizeiten auf den Tod gefaßt machen.
[
]
Berauben wir den Tod zunächst seiner stärksten Trumpfkarte, die er gegen uns in Händen hält, und schlagen wir dazu einen völlig anderen als den üblichen Weg ein: Berauben wir ihn seiner Unheimlichkeit, pflegen wir Umgang mit ihm, gewöhnen wir uns an ihn, bedenken wir nichts so oft wie ihn! Stellen wir ihn jeden Augenblick und in jeder Gestalt vor unser inneres Auge. [ ]
Es ist ungewiß, wo der Tod uns erwartet erwarten wir ihn überall! Das Vorbedenken des Todes ist Vorbedenken der Freiheit. Wer sterben gelernt hat, hat das Dienen verlernt. Sterben zu wissen entläßt uns aus jedem Joch und Zwang. Das Leben hat keine Übel mehr für den, der recht begriffen hat, daß der Verlust des Lebens kein Übel ist. [ ]
Man hat unsre Friedhöfe unmittelbar neben den Kirchen und an den belebtesten Stellen der Städte angelegt, auf daß man, wie Lykurg über die Grabstätten seiner Zeit sagte, das gemeine Volk, die Frauen und die Kinder daran gewöhne, nicht zu erschrecken, wenn sie einen Toten sehn, und auf daß der ständige Anblick von Beinhäusern, Ruhestätten und Leichenzügen uns daran erinnre, was des Menschen Los sei. [ ]
[W]arum sollten wir das Leben zu verlieren fürchten, also etwas, das wir, einmal verloren, gar nicht mehr beklagen können? [ ]
Wie die Geburt für uns die Geburt aller Dinge war, so wird unser Tod für uns der Tod aller Dinge sein. [ ]
[D]ie Natur zwingt uns zu sterben. Verlaßt diese Welt, sagt sie, wie ihr in sie eingetreten seid. Denselben Weg, den ihr ohne Furcht und Schrecken vom Tod zum Leben gegangen seid, geht ihn zurück nun vom Leben zum Tod! Euer Tod ist ein Teil der Ordnung des Alls, er ist ein Teil des Lebens der Welt."
aus: Michel de Montaigne: Philosophieren heißt sterben lernen, Essais, Erstes Buch, 20. Kapitel, übersetzt von Hans Stilett, Frankfurt am Main 72008, S. 45 - 52
Im Original:
"Que philosopher c'est apprendre à mourir
[...]
[Si la mort] nous faict peur, c'est un subject continuel de tourment, et qui ne se peut aucunement soulager. Il n'est lieu d'où elle ne nous vienne; nous pouvons tourner sans cesse la teste çà et là comme en pays suspect: quae quasi saxum Tantalo semper impendet. [...]
Le but de nostre carriere, c'est la mort, c'est l'object necessaire de nostre visée: si elle nous effraye, comme est il possible d'aller un pas en avant, sans fiebvre? Le remede du vulgaire c'est de n'y penser pas. [...]
Ils vont, ils viennent, ils trottent, ils dansent, de mort nulles nouvelles. Tout cela est beau. Mais aussi quand elle arrive, ou à eux, ou à leurs femmes, enfans et amis, les surprenant en dessoude et à decouvert, quels tourmens, quels cris, quelle rage, et quel desespoir les accable? Vites-vous jamais rien si rabaissé, si changé, si confus? Il y faut prouvoir de meilleur'heure ... [...]
Et pour commencer à luy oster son plus grand advantage contre nous, prenons voye toute contraire à la commune. Ostons luy l'estrangeté, pratiquons le, accoustumons le. N'ayons rien si souvent en la teste que la mort. A tous instants representons la à nostre imagination et en tous visages. [...]
Il est incertain où la mort nous attende, attendons la par tout. La premeditation de la mort est premeditation de la liberté. Qui a apris à mourir, il a desapris à servir. Le sçavoir mourir nous afranchit de toute subjection et contrainte. Il n'y a rien de mal en la vie pour celuy qui a bien comprins que la privation de la vie n'est pas mal. [...]
Tout ainsi qu'on a planté nos cimetieres joignant les Eglises, et aux lieux les plus frequentez de la ville, pour accoustumer, disoit Lycurgus, le bas populaire, les femmes et les enfans, à ne s'effaroucher point de voir un homme mort, et affin que ce continuel spectacle d'ossements, de tombeaus et de convois nous advertisse de nostre condition ... [...]
[C]ar pourquoy craindrions nous de perdre une chose, laquelle perdue ne peut estre regrettée ... [...]
Comme nostre naissance nous apporta la naissance de toutes choses, aussi fera la mort de toutes choses, nostre mort. [...]
Mais nature nous y force. Sortez, dit-elle, de ce monde, comme vous y estes entrez. Le mesme passage que vous fites de la mort à la vie, sans passion et sans frayeur, refaites le de la vie à la mort. Vostre mort est une des pieces de l'ordre de l'univers. C'est une piece de la vie du monde ..."
aus: Michel Eyquem de Montaigne: Que Philosopher C'Est Apprendre à Mourir, in: ders.: Les Essais, Livre 1, Chapitre 20, 1592 [http://artfl.uchicago.edu/cgi-bin/philologic/getobject.pl?c.0:2:20.montaigne]