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Lese bitte den folgenden Textauszug von Margrit Kennedy.
Wir neigen zu der Vorstellung, daß
es nur eine Art von Wachstum gibt,
nämlich die Art, die wir an uns selbst
erleben. Darüber hinaus gibt es jedoch
andere, mit denen wir weniger vertraut
sind.
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Abbildung 1, Kurve a
zeigt in vereinfachter Form das
Wachstumsverhalten in der Natur, dem
sowohl unser Körper folgt
als auch Pflanzen und Tiere. Wir
wachsen recht schnell in den
frühen Phasen unseres Lebens,
dann langsamer und hören
gewöhnlich mit dem körperlichen
Wachstum nach dem 21sten
Lebensjahr auf. Ab diesem
Zeitpunkt, also die längste Zeit
unseres Lebens, verändern wir
uns - "qualitativ" -
statt "quantitativ", deshalb
möchte ich diese Kurve als
"qualitative"
Wachstumskurve bezeichnen. Nun
gibt es jedoch, wie Abbildung 1
zeigt, zwei weitere grundlegend
unterschiedliche Wachstumsmuster:
Kurve b zeigt das mechanische
oder "lineare"
Wachstum: d. h. mehr
Maschinen produzieren mehr
Güter, mehr Kohle produziert
mehr Energie usw. (...) Wichtig
hingegen ist das Verständnis von
Kurve c, das sogenannte exponentielle
Wachstum, welches man als das
genaue Gegenteil zu Kurve a
bezeichnen könnte. In Kurve c
ist das Wachstum anfangs sehr
gering, steigt dann aber
kontinuierlich an und geht
schließlich in fast senkrechtes quantitatives
Wachstum über. In der
physischen Welt geschieht ein
solches Wachstum gewöhnlich
dort, wo wir Krankheit oder Tod
finden. Krebs z. B. folgt einem
exponentiellen Wachstumsmuster.
Zuerst wächst er langsam. Aus
einer Zelle werden 2, daraus 4,
8, 16, 32, 64, 128, 256, 612 usw.
Er wächst also ständig
schneller, und wenn man die
Krankheit schließlich entdeckt,
hat sie bereits eine
Wachstumsphase erreicht, in der
sie oft nicht mehr gebremst
werden kann. Exponentielles
Wachstum endet gewöhnlich mit
dem Tod des "Gastes"
und des "Organismus"
von dem er abhängt. Deshalb
ist das Unverständnis dieses
Wachstums die folgenschwerste
Fehlvorstellung im Hinblick auf
die Funktion des Geldes. Mit
Zins und Zinseszins verdoppeln
sich Geldvermögen in
regelmäßigen Zeitabständen, d.
h. sie folgen einem
exponentiellen
Wachstumsverhalten, und das
erklärt, warum wir in der
Vergangenheit in regelmäßigen
Zeitabschnitten und auch
gegenwärtig wieder mit unserem
Geldsystem Schwierigkeiten haben.
Tatsächlich verhält sich der
Zins wie ein Krebs in unserer
sozialen Struktur. |
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Abbildung 2 zeigt die
Zeitperiode, die nötig ist,
damit sich das Geld, das angelegt
wird, verdoppelt: bei 3 %
brauchen wir mit Zins und
Zinseszins 24 Jahre, bei 6 % 12
Jahre, bei 12 % 6 Jahre. Selbst
bei l % erfolgt mit Zins und
Zinseszins eine exponentielle
Wachstumskurve mit einer
Verdoppelungszeit von ungefähr
70 Jahren. Durch unser
eigenes körperliches Wachstum
haben wir nur jenes
Wachstumsverhalten der Natur
kennengelernt, das bei der
optimalen Größe aufhört (Kurve
a). Deshalb ist es für die
meisten Menschen schwer zu
verstehen, was exponentielles
Wachstum im materiellen Bereich
wirklich bedeutet. Wir haben eine
andere biologische Erfahrung. Das
exponentielle Wachstum müssen
wir über den Kopf bewußt
verstehen lernen.
Diese
Verständnisschwierigkeit läßt
sich durch die berühmte
Geschichte des persischen Kaisers
verdeutlichen, der so begeistert
von dem neuen Schachspiel war,
daß er dem Erfinder jeglichen
Wunsch erfüllen wollte. Der
kluge Mathematiker entschied
sich, ein Exempel zu statuieren.
Er bat um ein Getreidekorn auf
dem ersten Quadrat des
Schachfeldes und um die
Verdoppelung dieser Menge für
das jeweils nachfolgende Quadrat
des Schachfeldes. Der Kaiser, der
zunächst froh über solche
Bescheidenheit war, mußte bald
feststellen, daß in seinem
gesamten Reich nicht genügend
Getreide vorhanden war, um diesen
"bescheidenen" Wunsch
zu erfüllen. (...)
Ähnlich eindrucksvoll beweist
die folgende Analogie die
Unmöglichkeit eines andauernden
exponentiellen Wachstums: Hätte
jemand einen Pfennig mit 4 %
Zinsen zur Geburt Christi
investiert, so hätte er damit im
Jahr 1750 eine Kugel aus Gold vom
Gewicht der Erde kaufen können.
1990 hätte er bereits den
Gegenwert von 890 solcher Kugeln
erreicht. Bei einem Zins von 5 %
hätte man bereits im Jahr 1403
eine dieser Kugeln kaufen
können, und 1990 hätte die
Kaufkraft 2.200 Milliarden
Goldkugeln vom Gewicht der Erde
entsprochen.
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Das Beispiel zeigt den Unterschied,
der bereits durch l % Zins über eine
längere Zeitperiode bewirkt wird. Weiterhin
beweist es, daß die andauernde und
langfristige Zahlung von Zins und
Zinseszins mathematisch nachweisbar
praktisch unmöglich ist. Die bisherige
ökonomische Notwendigkeit und die
mathematische Unmöglichkeit befinden
sich in einem Widerspruch, der nicht zu
lösen ist. Wie dieser Mechanismus
zur Akkumulation von Kapital in den
Händen von zunehmend weniger Menschen
führt (und damit in der Vergangenheit zu
unzähligen Fehden, Kriegen und
Revolutionen geführt hat), wird
(später, K. K.) gezeigt. Heute ist der
Zinsmechanismus eine Hauptursache für
den pathologischen Wachstumszwang der
Wirtschaft mit allen bekannten Folgen der
Umweltzerstörung.
Die Lösung der Probleme, die durch
exponentielles Wachstum des Geldes durch
den Zins hervorgerufen werden, liegt
darin, ein Geldsystem zu erschaffen, das
der qualitativen Wachstumskurve folgt. Dies
erfordert, die Zinsen durch einen anderen
Mechanismus zu ersetzen, der den
Geldumlauf sichert. (...)
aus: Margrit Kennedy:
Geld ohne Zinsen und Inflation, München
1994, Kapitel 1, Mißverständnis Nr. 1
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Aufgabe 1:
Margrit Kennedy
beschreibt drei verschiedene Wachstumsabläufe.
Ordne diese drei Arten realen Wachstumsprozessen
zu. |
- Kurve a, qualitatives Wachstum,
entspricht dem Wachstum des menschlichen
Körpers.
- Kurve b, lineares Wachstum, entspricht
der industriellen Produktion von Gütern.
- Kurve c, exponentielles Wachstum,
entspricht krankhaften Entwicklungen etwa
dem Wachstum von Krebsgeschwüren.
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Aufgabe 2:
Warum entzieht sich den meisten Menschen nach Kennedys Auffassung ein
Verständnis für exponentielles Wachstum? |
| Da der menschliche Körper
"qualitativ" wächst, ist uns Menschen
vor allem diese Art des Wachstums vertraut,
während die anderen Arten verstandesmäßig
erfaßt/erlernt werden müssen. |
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Aufgabe 3:
Wieviele Weizenkörner hatte der Erfinder des
Schachspiels zu beanspruchen? |
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Aufgabe 4:
Warum ist die andauernde und langfristige Zahlung
von Zins und Zinseszins mathematisch angeblich
nachweisbar praktisch unmöglich? |
| Margrit Kennedy
versucht die Unmöglichkeit des unendlichen
Wachstums durch Zinseszins anhand des Beispiels
vom Wertzuwachs eines Pfennigs (heute Cent), der
seit Christi Geburt mit 4 % verzinst wird,
deutlich zu machen. Im Jahre 1750 würde der
Wert des angesammelten Vermögens dem Wert einer
Kugel aus Gold vom Gewicht der Erde entsprochen
haben. Und bis zum Jahre 1990 würde der
Vermögenswert auf den Gegenwert von 890
entsprechenden Goldkugeln angewachsen sein.
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Aufgabe 5:
Margrit Kennedy
bezeichnet diesen Zinsmechanismus als eine
Hauptursache für den pathologischen
Wachstumszwang der Wirtschaft.
Ist ihr zuzustimmen? Begründe Deine Antwort.
(Hinweis: Beachte auch die Texte von Jürgen Grahl und Helmut Creutz.) |
| Helmut Creutz
erklärt den Wachstumszwang
mit dem Ziel, Vollbeschäftigung und
Kaufkraftstabilität erreichen zu wollen. |
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Aufgabe 6:
Beurteile vor diesem Hintergrund das kanonische
Zinsverbot der römisch-katholischen Kirche im
Mittelalter. |
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Aufgabe 7:
Wie könnte das Problem des exponentiellen
Wachstums des Geldes durch den Zins gelöst
werden? |
Nach Margrit Kennedy
ist ein Geldsystem zu erschaffen, das der
qualitativen Wachstumskurve folgt. Dies erfordere
statt des Zinseszins einen anderen Mechanismus,
der allerdings den Geldumlauf weiterhin sichert.
Als Maßnahmen wurden vorgeschlagen:
- eine Sondersteuer auf Zinserträge,
- die Einführung einer Obergrenze für den
Zinssatz,
- das Verbot, die Zinsen dem Kapital
zuzuschlagen und zukünftig mit zu
verzinsen, also gleichbleibende
Zinsbeträge Jahr für Jahr anzusetzen
(sofern das Kapital nicht durch Tilgung
geschmälert wird).
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