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Ein gekürzter Text von Wilhelm Lorenz zum homo oeconomicus:
Ein, wenn nicht der wesentliche Baustein ökonomischer Modelle ist der homo oeconomicus. In der Realität gibt es ihn nicht. Er ist eine Annahme. Trotzdem entzünden sich an ihm oft aufgeregte Diskussionen und wie kaum ein anderes Lebewesen wurde und wird er von der Wissenschaft untersucht. [...] Der homo oeconomicus läßt sich am einfachsten durch die Art und Weise beschreiben, wie er Entscheidungen trifft. Nämlich rational im eigenen Interesse. Und damit ist schon fast alles Wichtige gesagt. Den Begriff "rational" kann man ersetzen durch vernunftbetont, wohlüberlegt oder wirtschaftlich.

Der homo oeconomicus trifft Entscheidungen immer so, daß er im Hinblick auf sein persönliches Wohlergehen Nutzen und Kosten abwägt und sich für die Alternative entscheidet, die den höchsten Nettonutzen erwarten läßt. [...] Ökonomen denken [dar-] über ... nach, indem sie überlegen, was jeweils ein Entscheidungsträger tun würde, der wohlüberlegt seine persönlichen Kosten und seinen persönlichen Nutzen der Alternativen gegeneinander aufwiegt. Im Umkehrschluss legt das homo oeconomicus-Modell nahe, welche Maßnahmen man treffen muß, wenn man die Entscheidungen der Menschen beeinflussen möchte. Man muß an ihren persönlichen Kosten und/oder Erträgen ansetzen, d. h. man muß sie bestrafen oder belohnen. Wer wollte denn leugnen, daß man

  • Schüler zu besseren Leistungen anspornen kann, wenn man ihnen für gute Noten Präsente in Aussicht stellt,
  • Kinder zu Gehorsam zwingt, indem man ihnen für den gegenteiligen Fall Fernsehverbot androht,
  • Arbeitskräfte durch Akkordprämien zu höheren Leistungen anspornt,
  • Autofahrer mit Knöllchen vom Falschparken abhält,
  • Arbeitslose durch Leistungskürzungen zur Arbeitsaufnahme bewegt,
  • Anleger durch höhere Steuern ins Ausland vertreibt oder
  • privat Krankenversicherte durch Rückerstattungen zu kostenbewußtem Verhalten anhält?

Vieles, was wir tun oder lassen, wirkt sich nicht nur auf unsere persönlichen Kosten und Nutzen, sondern auch auf die Kosten und Nutzen von anderen aus. In einem Teil der Fälle ist das ganz unproblematisch. Wenn Sie z. B. Brötchen kaufen, wird das Ihnen selbst wie dem Bäcker einen Nettovorteil verschaffen. Sie würden sie sonst nicht kaufen und der Bäcker sie Ihnen nicht verkaufen wollen. Feine Sache - obwohl jeder der Beteiligten im eigenen Interesse handelt, springt für alle Beteiligten ein Vorteil heraus. So simpel dieses Beispiel ist, macht es dennoch sehr deutlich, daß eine weit verbreitete Vermutung vieler Nichtökonomen nicht zutrifft: Der Gewinn des einen sei notwendig ein Verlust des anderen.

Mitunter bestehen zwischen den Beteiligten aber gar keine direkten Beziehungen in Form von Leistungen (Brötchen) und damit verbundenen Gegenleistungen (Geld). Wenn mich mein Nachbar z. B. mit seinem ständigen Rasenmähen terrorisiert, dann mag für ihn der gepflegte Rasen einen Gewinn darstellen. Mir fügt er damit aber ein Leid zu, für das er mich nicht entschädigt. Der - in diesem Fall negativen - Leistung (Lärm) steht also keine Gegenleistung gegenüber (Entschädigungszahlung). Wenn die Entscheidungen nicht nur private Kosten und private Erträge nach sich ziehen, sondern auch bei anderen Wirtschaftssubjekten, zu denen keine Marktbeziehung besteht, Kosten oder Erträge anfallen, spricht man von "externen Effekten". [...] Das gilt natürlich ebenso, wenn Menschen Auto fahren. Der entstehende Schaden ist nur nicht mehr ganz so offensichtlich und einzelnen Individuen schwer zuzurechnen. Die Autofahrer - mehr homo oeconomicus als homo oecologicus - kalkulieren die Umweltschäden und Unfallfolgen, die Dritten entstehen, nicht in ihre Entscheidungen ein. Weil sie diese Kosten nicht berücksichtigen (sofern sie nicht indirekt über die Mineralölsteuer dazu gebracht werden), wird aus gesellschaftlicher Perspektive tendenziell zuviel Auto gefahren. Deswegen kann man nun aber nicht sagen, daß die homo oeconomicus-Annahme der ökonomischen Theorie unvernünftig sei. Die Theorie behauptet nicht, daß der homo oeconomicus ein "guter Mensch" sei und stellt ihn nicht als Ideal oder Leitbild dar. Sie untersucht vielmehr, welche Konsequenzen eintreten, wenn die Menschen sich so wie homines oeconomici verhalten. Wenn man so will, geht die Theorie damit von einem eher "negativen" Menschenbild aus, von opportunistisch agierenden Egoisten. [...]

Eine ernst zunehmende Kritik der homo oeconomicus-Annahme zielt auf die unzureichende Möglichkeit ihrer Falsifizierung. Springt ein Mensch in den Tod, liefert der Ökonom trocken die Erklärung, die erwarteten Kosten des Weiterlebens seien wohl höher gewesen als der erwartete Nutzen. Auf diese Art und Weise könnte man aber alle Entscheidungen erklären, seien sie noch so verrückt. Aus diesem Grund wird versucht, Entscheidungen durch veränderte Rahmenbedingungen oder Parameteränderungen zu erklären. So gibt z. B. eine beobachtete Preissteigerung von Bier eine viel bessere Erklärung für einen Rückgang der Biernachfrage ab als die Vermutung, die Menschen würden plötzlich kein Bier mehr mögen. Änderungen im Verhalten durch Änderungen der Präferenzen zu erklären, gilt als verpönt.

Dem homo oeconomicus wird mitunter zugeschrieben, er besitze die Fähigkeit zu uneingeschränkt rationalem Verhalten und verfüge über vollständige Information. Das sind jedoch keine Charakteristiken des homo oeconomicus, sondern es handelt sich dabei um zusätzliche Annahmen, die den Modellen zuzurechnen sind. Diese Annahmen sollen die Modelle vereinfachen und so zu einem leichteren Verständnis beitragen. Selbstverständlich können die homines oeconomici auch Modellwelten bevölkern, in denen unvollständige Information herrscht. Auch hier sind rationale Entscheidungen möglich. [...] Die Präferenzen des homo oeconomicus, d. h. seine Einstellungen und Wünsche, werden in der ökonomischen Theorie nicht diskutiert. Sie gehen als Daten in die Modelle ein. Die Konsequenz ist ein hohes Maß an Liberalität in dem Sinn, daß jeder für sich selbst weiß, was für ihn das Beste ist. Warum sollte man in die Entscheidungen vernünftig handelnder Individuen auch eingreifen wollen?

 
Aufgabe 1:
Charakterisiere den homo oeconomicus.
Welche Eigenschaften besitzt laut Wilhelm Lorenz der homo oeconomicus ausdrücklich nicht?
  • Der homo oeconomicus trifft Entscheidungen rational.
  • Der homo oeconomicus trifft Entscheidungen ausschließlich im eigenen Interesse.
  • Der homo oeconomicus maximiert seinen Nutzen.
  • Der homo oeconomicus ist opportunistisch.

  • Der homo oeconomicus existiert in der Wirklichkeit nicht.
  • Der homo oeconomicus verfügt nicht über vollständige Informationen.
  • Der homo oeconomicus ist kein "guter Mensch".
 
Aufgabe 2:
Wozu dient das Modell des homo oeconomicus den Volkswirten?
Volkswirte versuchen, mit Hilfe des Modells des homo oeconomicus Vorhersagen über Entscheidungen von Entscheidungsträgern zu machen.

Umgekehrt werden daraus sogar Schlüsse gezogen, welche Maßnahmen getroffen werden müssen, damit die Entscheidungen von den betroffenen Menschen (= Wirtschaftssubjekte) im Sinne der Maßnahmen-Modellierer getroffen werden.

 
Aufgabe 3:
Untersuche die von Wilhelm Lorenz genannten Beispiele für Belohnungen und Bestrafungen.
Treffen sie im allgemeinen zu?
Beispiel: Im allgemeinen
zutreffend?
Begründung:
Schüler-Leistung Ja Eigene Erfahrung aus der eigenen Jugendzeit. Das funktionierte selbst dann, wenn das betroffene Fach nicht zu den Stärken des betreffenden Schülers gehörte.

Es funktioniert dann nicht mehr, wenn die Präsente nicht ausreichend motivieren.

Kinder-Gehorsam Ja Eigene Beobachtung.

Es funktioniert aber nur dann, wenn die betroffenen Kinder ein reges Interesse an bestimmten Fernseh-Sendungen besitzen und das Verbot hinreichend gut kontrolliert werden kann.

Akkordprämien Nein Mehr-Leistung wird häufig auf Kosten der Qualität erreicht. Daher gibt es für Akkord hohe Anforderungen bei der Realisierung. Akkord ist nur bei einfachen, von externen Einflüssen unbeeinflußten Arbeiten sinnvoll und wird auch nur dann akzeptiert.
"Knöllchen" Nein Tagtägliche Anschauung.

Da die Kontrolle nur unzureichend realisiert werden kann, wird häufiger dagegen verstoßen, als tatsächlich Autofahrer durch die meist auch noch geringe Strafe dazu bewogen werden, dort nicht zu parken.

Arbeitslose Nein Wo kein entsprechender Arbeitsplatz zur Verfügung gestellt wird, kann keine Arbeitsaufnahme erfolgen. Was eher geschieht, ist, daß nicht-qualifikationsadäquate Arbeitsplätze angenommen werden. Das funktioniert allerdings auch nur solange, wie nicht das Sozialhilfeniveau erreicht wird.
Anleger Nein Anleger richten sich nach Rendite und Sicherheit. Abstriche an der Rendite werden in Kauf genommen, wenn die Sicherheit der Anlage gefährdet ist. Außerdem sind Transaktionskosten bei der Entscheidung zu berücksichtigen. Dabei stehen Währungskursrisiken bei bestimmten Anlagen im Vordergrund.
Privatversicherte Nein Kostenbewußtes Verhalten in nennenswertem Maße wird nur dann erreicht, wenn der Gesundheitszustand des Versicherten derartige Überlegungen überhaupt zuläßt. Ab einem (individuell möglicherweise verschiedenen) Grad der Erkrankung zählt lediglich das Ziel der Genesung.
 
Aufgabe 4:
Wilhelm Lorenz beschreibt am Beispiel des Brötchen-Erwerbs die von Adam Smith entdeckte "Mechanik" der "unsichtbaren Hand", die in einer durch freie Märkte gesteuerten Volkswirtschaft das Wohlergehen der Wirtschaftssubjekte sichern soll. Sind Situationen und Märkte denkbar, in bzw. auf denen jemand ein Angebot unterbreitet, obwohl er keinen oder nur einen sehr geringen Vorteil aus dem Verkauf erzielen würde?
Ja, ein Angebot wird auch bei geringem Vorteil aus dem Verkauf getätigt, wenn das betreffende Wirtschaftssubjekt keine andere Möglichkeit zur Erzielung von Einkommen besitzt.
 
Aufgabe 5:
Was sind "externe Effekte"?
Als externe Effekte bezeichnen Volkswirte Kosten oder Erträge, die einem Wirtschaftssubjekt durch Transaktionen anderer Wirtschaftssubjekte entstehen, ohne daß eine (Tausch-) Beziehung zwischen diesen Wirtschaftssubjekten besteht.
 
Aufgabe 6:
Gibt es zwischen Wirtschaftssubjekten nur Marktbeziehungen?
In der volkswirtschaftlichen Theorie ja; im wirklichen Leben natürlich nicht:
Zum Ausgleich für die erlittenen Unannehmlichkeiten könnte der Nachbar Herrn Lorenz ja zur nächsten Grillfete einladen...
 
Aufgabe 7:
Womit begründet Wilhelm Lorenz seine Auffassung, daß "tendenziell zuviel Auto gefahren" wird?
Lorenz begründet seine Auffassung, daß "tendenziell zuviel Auto gefahren" wird mit den externen Effekten, die von den Autofahrern nicht berücksichtigt werden, wie z. B. Umweltschäden, Unfallfolgen.
 
Aufgabe 8:
Ist Wilhelm Lorenz Auffassung bezüglich des Autofahrens überhaupt richtig?
Ja, denn ohne die anderen könnte ich viel ungehinderter und schneller Auto fahren.
 
Aufgabe 9:
Warum ist die von Wilhelm Lorenz beim Selbstmord-Beispiel genannte Begründung für die Entscheidung für einen Selbstmord nach Überzeugung von Volkswirten nicht ausreichend?
"Änderungen im Verhalten durch Änderungen der Präferenzen zu erklären, gilt als verpönt."
 
Aufgabe 10:
Unterscheide (etwa anhand von Beispielen) Änderungen der Rahmenbedingungen, der Parameter und der Präferenzen.
Als Beispiel sei eine Finanzanlage gewählt.
Rahmenbedingungen Parameter Präferenzen
Wird die Besteuerung für Spekulationsgewinne drastisch erhöht, dann nimmt die Neigung, daraus Einkommen erzielen zu wollen ab. Bietet die Bundesregierung etwa eine höhere Rendite für Bundesschatzbriefe, so werden vermutlich mehr Bundesschatzbriefe gekauft. Erlebt ein Anleger, daß ein Fond mangels ausreichender Rendite geschlossen werden muß, so wird er zukünftig möglicherweise weniger risikoreiche Wertpapiere kaufen.
 
Aufgabe 11:
Verhält sich der homo oeconomicus nun uneingeschränkt rational oder nicht?
Der homo oeconomicus verhält sich uneingeschränkt rational.
 
Aufgabe 12:
Wann handelt ein Mensch nach Auffassung von Wilhelm Lorenz "vernünftig"?
Nach Lorenz' Meinung handelt ein Mensch vernünftig, wenn er so handelt, daß es für ihn das Beste ist und was für ihn das Beste ist, das weiß er selbst am besten.
Fragen karlheinz@luk-korbmacher.de