Schul-Sachen-Verteilerseite Aufgaben-Hilfe
Volks-
wirt-
schaft
Otto Conrad (1876 - 1943) übt in seinem Buch "Die Todsünde der Nationalökonomie" grundlegende Kritik an den Folgen der volkswirtschaftlichen Definition der Produktionsfaktoren:

Die Unhaltbarkeit der Lehre von den drei Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital

Die Grundgedanken dieser Lehre sind die folgenden: Es gibt nicht ein Subjekt, sondern drei Subjekte der Wirtschaft, Produktionsfaktoren genannt, die nebeneinander in gleicher Weise Produktionsleistungen verrichten: Arbeit, Boden und Kapital. Nach dem Verhältnis der Produktionsleistungen wird bei freier Konkurrenz das Sozialprodukt verteilt, ein Verteilungsvorgang, der in zwei Verteilungsvorgänge zerfällt, in die "funktionelle" und in die "personelle" Verteilung.

Das Ergebnis dieser Verteilung wird verschieden formuliert: Die Einen erklären, daß jeder Produktionsfaktor sein Produkt, bzw. die Besitzer der Produktionsfaktoren das Produkt ihres Produktionsfaktors erhalten. Die Anderen erklären, daß die Produktionsfaktoren für die Produktionsleistungen, bzw. die Besitzer der Produktionsfaktoren für die Beistellung der Produktionsleistungen mit einem Einkommen entlohnt werden: Die Arbeit mit dem Lohne, der Boden mit der Bodenrente, das Kapital mit dem Zins.

Was zunächst die Behauptung anbelangt, daß der Boden und das Kapital Produktionsleistungen verrichten, so stützt sie sich auf die Tatsache, daß ohne Boden eine Produktion überhaupt nicht möglich ist, daß ferner die Größe des Produktionserfolges ganz wesentlich von der Beschaffenheit des Bodens und des Kapitales abhängt. Daraus zieht man den Schluß, daß auch der Boden und das Kapital Produktionsleistungen verrichten, die zu den Produktionsleistungen des Menschen hinzutreten. Das Sozialprodukt stellt sich dann dar als das gemeinsame Produkt der drei in der Wirtschaft tätigen, an der Produktion mitwirkenden Wirtschaftssubjekte.

Bei keiner anderen menschlichen Tätigkeit hat man jemals einen solchen Schluß gezogen. Ohne Violine kann man nicht geigen. Wer würde daraus schließen wollen, daß nicht nur der Geiger sondern auch die Geige geigt, daß beide gemeinsam Violine spielen? Gewiß niemand. Die Violine ist eben Musikinstrument und nicht Musikant, ebenso wie Kapital und Boden Produktionsmittel und nicht Produzenten sind.

 
Aufgabe 1:
Welches Verständnis des Begriffs "Subjekt" besitzt Otto Conrad?
Beachte dabei bitte folgende Worterläuterungen: Das Wort Subjekt bezeichnet
umgangssprachlich eine Person (oft abwertend verwendet);
in der kritischen Psychologie das Individuum als handelnden und sich entwickelnden Menschen;
in den Sozialwissenschaften eine bewußt handelnde Person;
in der Rechtswissenschaft einen Träger von Rechten und Pflichten;
in der Volkswirtschaftslehre eine handelnde wirtschaftliche Einheit (= Haushalt, Unternehmen, Staat).
Eigentlich stimmt Conrad mit den gängigen Definitionen überein und versteht unter "Subjekt" vor allem einen Menschen (bzw. volkswirtschaftlich eine Gruppe von Menschen wie z. B. einen vierköpfigen Haushalt).

In diesem Text verwendet er den Begriff "Subjekt" allerdings auch zur Kennzeichnung der Produktionsfaktoren, weil die beherrschende volkswirtschaftliche Lehrmeinung allen drei Produktionsfaktoren eine Eigenschaft zuordnen, die sonst nur Menschen zueigen ist, nämlich tätig handeln zu können.

 
Aufgabe 2:
Beschreibe mit eigenen Worten, welche Verteilung des Volkseinkommens in einer Marktwirtschaft nach beherrschender volkswirtschaftlicher Lehrmeinung mit welcher Begründung auf die Produktionsfaktoren vorgenommen wird.
In einer Marktwirtschaft wird das Volkseinkommen je nach dem Beitrag, den der jeweilige Produktionsfaktor bei der Güterproduktion leistete, an die Besitzer des jeweiligen Produktionsfaktors als Entlohnung für die Bereitstellung des jeweiligen Produktionsfaktors (Lohn, Rente oder Zins) verteilt. Damit entspricht die Entlohnung der Produktionsfaktoren dem der Marktwirtschaft innewohnenden Leistungsprinzip.
 
Aufgabe 3:
Otto Conrad entwickelt das Beispiel vom Geigen, von dem er meint, daß es seine Kritik an diesem Konzept der Verteilung verdeutlicht.
Welches Gut wird hergestellt?
Welchen Elementen entsprechen die Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital?
Der Geiger entspricht dem Produktionsfaktor Arbeit.

Die Luft und der Konzertsaal drum herum entspricht dem Produktionsfaktor Boden.

Die Violine entspricht dem Produktionsfaktor Kapital.

Das Ergebnis des Kombinationsprozesses ist das Gut "hörbare Töne".

Vom Konsumenten des Gutes wird für die Nutzung des Gutes vermutlich ein Entgelt als Gesamtentlohnung für die Bereitstellung der Produktionsfaktoren gezahlt werden (= Eintrittspreis bei einem Konzert). Es wäre daher zu entscheiden, welchen Anteil der Geiger für seine Arbeit, der Konzertsaalbetreiber für die Bereitstellung der Luft und der Musikinstrumentebauer (oder -verleiher oder -eigentümer) für die Bereitstellung der Violine als Entlohnung erhalten soll.*

 
Aufgabe 4:
Welchen Zusammenhang im Verständnis der Produktion (= Kombination der Produktionsfaktoren zwecks Güterherstellung) kritisiert Otto Conrad an der beherrschenden volkswirtschaftlichen Lehrmeinung?
Conrad kritisiert die Verknüpfung von Produktionsfaktor und Einkommen.
 
Aufgabe 5:
Womit begründet Otto Conrad seine Kritik?
Nur der Mensch leistet bei der Kombination der Produktionsfaktoren etwas, wird tätig im Sinne von Handeln, weil er streng zwischen Produktionsmittel und handelndem Menschen unterscheidet.
 
Aufgabe 6:
Kommentiere Otto Conrads Auffassung.
Handelt es sich um eine berechtigte Kritik an der beherrschen volkswirtschaftlichen Lehrmeinung?
Ist sein Beispiel in sich stimmig?
Welche Konsequenzen müßten bei Zustimmung zu seiner Auffassung hinsichtlich der "Entlohnung" der Produktionsfaktoren gezogen werden?
.
Fragen karlheinz@luk-korbmacher.de