Was ist "vernünftiges Handeln"?

"Vernünftig" bedeutet nach Grimms Wörterbuch "der Vernunft gemäß". Danach ist also "vernünftiges Handeln" nichts anderes als "vernunftgemäßes Handeln".

Peter Möller beschreibt in seinem "philolex" die Vernunft:

"Vernunft bedeutet umgangssprachlich die Fähigkeit zu denken, synonym mit Verstand. Gelegentlich wird dafür auch der Begriff Geist verwendet. (Der allerdings vieldeutig ist.) Es wird dann von den geistigen Fähigkeiten der Menschen gesprochen."

Ähnlich definiert Rudolf Eisler (1873 - 1926) Vernunft in seinem "Wörterbuch der philosophischen Begriffe" und verweist anschließend auf die Beschreibungen bedeutender Philosophen:

"Vernunft (nous, logos, dianoia, intellectus, ratio, raison, reason) ist im allgemeinsten Sinne des Wortes so viel wie Geist, Intelligenz, Denkprinzip gegenüber der Sinnlichkeit."

"Vernünftiges Handeln" ist demnach "Handeln unter Nutzung und entsprechend der geistigen Fähigkeiten der Menschen".

Es stellt sich die Frage: Sind mit den "geistigen Fähigkeiten der Menschen"

Denn: Nichts ist so relativ wie die "Vernunft", wenn neben der in der bisherigen Beschreibung des "vernünftigen Handelns" im Vordergrund stehenden Funktionalität auch der im umgangssprachlichen Sprachgebrauch stets mitschwingende Aspekt des Beurteilungskriteriums für das Handeln berücksichtigt wird. Vernunft ist immer dann ein subjektiver Begriff, der von verschiedenen einzelnen Menschen, Gruppen, Völkern unterschiedlich interpretiert wird. Die Wünsche und das Wollen des jeweiligen Betrachters bzw. des jeweiligen Handelnden (bzw. entsprechender Gruppen) sind der Maßstab dessen, was diese(r) bereit und in der Lage sein kann und wird (bzw. sein können und werden), als "vernünftig" anzuerkennen. (Bezogen auf eine Gruppe von Menschen müssen sich die Wünsche und das Wollen zuvor sogar als gruppenspezifischer Konses herausgebildet haben! Ein äußerst komplexer und nicht immer eindeutig zielführender Prozeß.)

Eine sprichwörtliche Regel für "vernünftiges Handeln" geht auf griechische Quellen zurück: "Quidquid agis, prudenter agas et respice finem" (auf deutsch: "Was immer Du tust, tue es klug und sieh auf das Ende"). Wer so handelt, handelt vernünftig. Demnach bedeutet "vernünftiges Handeln", vor Ausführung der Handlung nachzudenken und aufgrund der (erwarteten) Ergebnisse und Konsequenzen nach den eigenen Vorstellungen von "Vernunft" zu handeln. Allerdings sind sowohl die Einschätzung der zu erwartenden Ergebnisse und Konsequenzen als auch deren Beurteilung individuell verschieden, kontextabhängig und Irrtümern unterworfen.

Selbstverständlich genügen den Volkswirten diese "schwammigen" Definitionen und Umschreibungen "vernünftigen Handelns" nicht. Unter Rückgriff auf verschiedene Wissenschaftsdisziplinen wurde deshalb eine "Theorie der rationalen Entscheidung" entwickelt. Ihre wesentlichen Teilgebiete (Entscheidungstheorie, Sozialwahltheorie, Spieltheorie) verwenden durchgängig axiomatische Systeme zur Erklärung der Entscheidungsfindung im Rahmen "vernünftigen Handelns". Dabei wird jeweils mit Hilfe von Axiomen festgelegt, was unter "vernünftigem Handeln" zu verstehen ist. Unter diesen Voraussetzungen ist ein Handeln immer dann "vernünftig", wenn es die Axiome nicht verletzt. Damit wird das Problem der Konkretisierung von der Definition auf die Zusammenstellung und Beschreibung der Axiome verlagert, aber nicht wirklich gelöst. Auf die zahlreichen Probleme, eine Zielfunktion als mehrdimensionale Nutzenfunktion unter Verzicht auf das Transitivitätsaxiom unter Unsicherheit zu formulieren, sei an dieser Stelle nur hingewiesen.

In jedem Falle reduzieren die Volkswirte "vernünftiges Handeln" auf Handeln, dem rationale Entscheidungen zugrunde liegen. Irrationale Einflüsse auf die Entscheidungsfindung und damit das menschliche Handeln werden schlicht negiert.

Horst Albach (* 1931) - seines Zeichens zwar Betriebswirtschaftler, aber mit einer deutlichen Ausrichtung auf mikroökonomische Fragestellungen im hier verhandelten Zusammenhang - beschreibt einerseits wie vereinfachend und formalisiert unter dieser Voraussetzung Handeln wird, andererseits beschreibt er gleichzeitig, wie fragwürdig dieses Vorgehen ist, selbst wenn nur wirtschaftlich relavantes Handeln, die sogenannten Transaktionen, betrachtet werden:

"Vernünftiges Handeln heißt Anwendung des Wirtschaftlichkeitsprinzips. Es dürfen auf dem Weg zum Erreichen des Ziels keine knappen Ressourcen verschwendet werden. [...] Aber was ist Ressourcenverschwendung bei Handeln unter Unsicherheit? [...] Ist es ethisch verwerflich, wenn die von den Aktionären gewählten Vorstände mit einer anderen Risikopräferenz handeln als die Aktionäre? Handeln Vorstände unethisch, wenn sie größere finanzielle Reserven halten, um in Zeiten einer potentiellen Wirtschaftskrise Mitarbeiter nicht entlassen zu müssen, wenn sie sich gleichzeitig Forderungen der Mitarbeitervertretung gegenüber sehen, das Geld zur Schaffung neuer Arbeitsplätze zu investieren?" [Quelle]