Erich Scheurmann schreibt über die (angebliche) Entstehungsgeschichte seines Buches:

Es war nie die Absicht Tuiaviis, diese Reden für Europa herauszugeben oder überhaupt drucken zu lassen; sie waren ausschließlich für seine polynesischen Landsleute gedacht. Wenn ich dennoch ohne sein Wissen, und sicherlich gegen seinen Willen, die Reden dieses Eingeborenen der Lesewelt Europas übermittle, so geschieht es in der Überzeugung, daß es auch für uns Weiße und Aufgeklärte von Wert sein dürfte, zu erfahren, wie die Augen eines noch eng an die Natur gebundenen uns und unsere Kultur betrachten. Mit seinen Augen erfahren wir uns selbst; von einem Standpunkt aus, den wir selber nie mehr einnehmen können. Obwohl, zumal von Zivilisationsfanatikern, die Art seines Schauens als kindlich, ja kindisch, vielleicht als albern empfunden werden mag, muß den Vernunftvolleren und Demütigeren doch manches Wort Tuiaviis nachdenklich stimmen und zur Selbstschau zwingen; denn seine Weisheit kommt aus der Einfalt, die von Gott ist und keiner Gelehrsamkeit entspringt.

Diese Reden stellen in sich nichts mehr und nichts weniger dar, als einen Anruf an alle primitiven Völker der Südsee, sich von den erhellten Völkern des europäischen Kontinents loszureißen. Ruiavii, der Verächter Europas, lebte in der tiefsten Überzeugung, daß seine eingeborenen Vorfahren den größten Fehler gemacht haben, als sie sich mit dem Lichte Europas beglücken ließen. Gleich jener Jungfrau von Fagasa, die vom hohen Riff aus den ersten weißen Missionaren mit ihrem Fächer abwehrte: «Hebt euch hinweg, ihr übeltuenden Dämonen!» - Auch er sah in Europa den dunklen Dämon, das zerstörende Prinzip, vor dem man sich zu hüten habe, wolle man seine Unschuld wahren.

Als ich Tuiavii zuerst kennen lernte, lebte er friedlich und abgesondert von Europens Welt auf der weltfernen kleinen Insel Upolu, die zur Samoagruppe gehört, im Dorfe Tiavea, dessen Herr und oberster Häuptling er war. Sein erster Eindruck war der eines massigen, freundlichen Riesen. Er war wohl an die zwei Meter hoch und von ungewöhnlich starkem Gliederbau. Ganz im Widerspruch dazu klang seine Stimme weich und milde wie die eines Weibes. Sein großes, dunkles, von dichten Brauen überschattetes tiefliegendes Auge hatte etwas Gebanntes, Starres. Bei plötzlicher Anrede jedoch glutete es warm auf und verriet ein wohlwollendes lichtes Gemüt.

Nichts unterschied Tuiavii im übrigen von seinen eingeborenen Brüdern. Er trank seine Kava (das samoanische Volksgetränk, bereitet aus den Wurzeln des Kavastrauches), ging am Abend und Morgen zum Loto (= Gottesdienst), aß Bananen, Taro und Jams und pflegte alle heimischen Gebräuche und Sitten. Nur seine Vertrautesten wußten, was unablässig in seinem Geiste gärte und nach Klärung suchte, wenn er, gleichsam träumend, mit halbgeschlossenen Augen auf seiner großen Hausmatte lag.

Während der Eingeborene im allgemeinen gleich dem Kinde nur und alleine in seinem sinnlichen Reiche lebt, ganz und nur im Gegenwärtigen, ohne jede Beschau seiner selbst oder seiner weiteren und näheren Umgebung, war Tuiavii Ausnahmenatur. Er ragte weit über seinesgleichen hinaus, weil er Bewußtheit besaß, jene Innenkraft, die uns in erster Linie von allen primitiven Völkern scheidet.

Aus dieser Außerordentlichkeit mochte auch der Wunsch Tuiaviis entsprungen sein, das ferne Europa zu erfahren; ein sehnliches Verlangen, das er schon pflegte, als er noch Zögling der Missionsschule der Maristen war, das sich aber erst in seinen Mannesjahren erfüllte. Sich einer Völkerschaugruppe, die damals den Kontinent bereiste, anschließend, besuchte der Erfahrungshungrige nacheinander alle Staaten Europas und erwarb sich eine genaue Kenntnis der Art und Kultur dieser Länder. Ich hatte mehr als einmal Gelegenheit zu staunen, wie genau diese Kenntnisse gerade in bezug auf unscheinbare Kleinigkeiten waren. Tuiavvi besaß im höchsten Maße die Gabe nüchternen, vorurteilslosen Beschauens. Nichts konnte ihn blenden, nie Worte ihn von einer Weisheit ablenken. Er sah gleichsam das Ding an sich; wiewohl er bei allen Studien nie die eigene Plattform verlassen konnte.

Obgleich ich wohl über ein Jahr lang in seiner unmittelbaren Nähe lebte - ich war Mitglied seiner Dorfgemeinde - eröffnete sich mir Tuiavii erst als wir Freunde wurden, nachdem er den Europäer in mir restlos überwunden, ja vergessen hatte. Als er sich überzeugt hatte, daß ich reif für seine einfache Weisheit war und sie keinesfalls belächeln würde (was ich auch nie getan habe). Erst dann ließ er mich Bruchstücke aus seinen Aufzeichnungen hören. Er las sie mir ohne jede Wucht und ohne rednerische Bemühung, gleichsam als ob alles, was er zu sagen habe, historisch sei. Aber gerade durch diese Art seines Vortrages wirkte das Gesagte um so reiner und deutlicher auf mich und ließ den Wunsch in mir aufkommen, das Gehörte zu halten.

Erst viel später legte Tuiavii seine Aufzeichnungen in meine Hand und gewährte mir eine Übersetzung ins Deutsche, die, wie er vermeinte, ausschließlich zu Zwecken eines persönlichen Kommentars und nie als Selbstzweck geschehen sollte. Alle diese Reden sind Entwurf, sind unabgeschlossen. Tuiavii hat sie nie anders betrachtet. Erst wenn er die Materie vollständig in seinem Geiste geordnet und zur letzten Klarheit durchgedrungen, wollte er seine «Missionsarbeit» in Polynesien, wie er sie nannte, beginnen. Ich mußte Ozeanien verlassen, ohne diese Reife erwarten zu können.

So sehr es mein Ehrgeiz war, mich bei der Übersetzung möglichst wortgetreu an das Original zu halten, und wiewohl ich mir auch in der Anordung des Stoffes keinerlei Eingriffe erlaubte, bin ich mir trotzdem bewußt, wie sehr die intuitive Art des Vortrages, der Hauch der Unmittelbarkeit, verloren gegangen ist. Das wird der gern entschuldigen, welcher die Schwierigkeiten kennt, eine primitive Sprache zu verdeutschen, ihre kindlich klingenden Äußerungen so zu geben, ohne daß sie banal und abgeschmackt wirken.

Alle Kulturerrungenschaften des Europäers betrachtet Tuiavii als einen Irrtum, als eine Sackgasse, er, der kulturlose Insulaner. Das könnte anmaßend erscheinen, wenn nicht alles mit wunderbarer Einfalt, die ein demütiges Herz verrät, vorgetragen würde. Er warnt zwar seine Landsleute, ja er ruft sie auf, sich vom Banne des Weißen frei zu machen. Aber er tut es mit der Stimme der Wehmut und bezeugt dadurch, daß sein Missionseifer der Menschenliebe, nicht der Gehässigkeit entspringt. «Ihr glaubet uns das Licht zu bringen», sagte er bei unserm letzten Zusammensein, «in Wirklichkeit möchtet ihr uns mit in eure Dunkelheit hineinziehen.» Er betrachtet die Dinge und Vorgänge des Lebens mit der Ehrlichkeit und Wahrheitsliebe eines Kindes, gerät dabei auf Widersprüche, entdeckt dabei tiefe sittliche Mängel und, indem er sie aufzählt und sich zurückruft, werden sie ihm selber zu endlicher Erfahrung. Er kann nicht erkennen, worin der hohe Wert europäischer Kultur liegt, wenn sie den Menschen von sich abzieht, ihn unecht unnatürlicher und schlechter macht. Indem er unsere Errungenschaften, gleichsam bei der Haut, unserem Äußeren, beginnend, aufzählt, sie völlig uneuropäisch und pietätlos beim nächsten Namen nennt, enthüllt er uns ein wenn auch begrenztes Schauspiel unserer selbst, bei dem man nicht weiß, soll man den Verfasser oder dessen Gegenstand belächeln.

In dieser kindlichen Offenheit und Pietätlosigkeit liegt meines Erachtens der Wert von Tuiaviis Reden für uns Europäer und das Recht einer Veröffentlichung. Der Weltkrieg hat uns Europäer skeptisch gegen uns selbst gemacht, auch wir beginnen die Dinge auf ihren wahren Gehalt hin zu prüfen, beginnen zu bezweifeln, daß wir durch unsere Kultur das Ideal unserer selbst erfüllen können. Daher wollen wir uns auch nicht für zu gebildet halten, im Geiste einmal herabzusteigen zu der einfachen Denk- und Anschauungsweise dieses Südseeinsulaners, der noch von keiner Bildung belastet und noch urtümlicher in seinem Fühlen und Schauen ist, und der uns erkennbar machen hilft, wo wir uns selber entgötterten, um uns tote Götzen dafür zu schaffen.

Horn in Baden, Erich Scheurmann

aus: Erich Scheurmann: Der Papalagi - Die Reden des Südsee-Häuptlings Tuiavii aus Tiavea, Tanner + Staehelin Verlag, Zürich 1980, S. 11 - 17


Dr. Eugen Willerding vom Institut für Astrophysik und Extraterrestrische Forschung (IAEF) der Universität Bonn fand über den Autor Erich Scheurmann und sein Werk folgendes heraus:

Erich Scheurmann wurde am 24. November 1878 in Hamburg geboren und starb am 4. Mai 1957 in Armsfeld. Scheurmann war Maler, Schriftsteller, Dramatiker, Märchenerzähler, beschäftigte sich mit psychologischen Randgebieten, war Puppenspieler, Lehrer und Prediger. Im Alter von neunzehn Jahren durchwanderte er ganz Deutschland. Seit 1903 lebte er auf der Halbinsel Höri/Bodensee, wo er mit Hermann Hesse zusammentraf (in der Zeit von 1904 bis 1907). Mit einem Vorschuß seines Verleger fuhr er 1914 nach Samoa, wo er vom Ausbruch des I. Weltkriegs überrascht wurde (West-Samoa: deutsche Kolonie von 1899 bis 1915). Im Herbst 1915 verließ er Samoa und fuhr in die USA, kam aber erst kurz vor Kriegsende nach Deutschland zurück. Ab 1930 lebte er in Armsfeld/Bad Wildungen.

Die Reden des Häuptlings Tuiavii wurden wohl zwischen 1915 und 1920 von Erich Scheurmann als Zivilisationskritik zusammengestellt und in Buchform veröffentlicht. Was viele dabei nicht bemerken: Die Reden sind fiktive Reden, sie sind somit kein echter Erfahrungsbericht eines Südseebewohners, der in Europa gereist war und seine Erlebnisse dann aufgeschrieben hat.

Eine unbekannte Autorin kommentiert:

Die Zeit war günstig. So kurz nach dem Krieg bestimmte harter Kampf um Arbeit und einen Platz in der schnell wachsenden Industriegesellschaft das tägliche Leben. Sehnsucht nach innerer Ruhe und unterdrückte Wünsche nach kleinen idyllischen Fluchten machten empfänglich für exotische Botschaften. Erich Scheurmann kam auf eine - im wahrsten Sinne des Wortes - blendende Idee: Er ersann einen Südsee-Häuptling, "Tuiavii aus Tiavea", und begab sich ans Schreiben. Er stellte den Häuptling als edlen Wilden vor, der ihm aus Freundschaft einige Gedankenfragmente anvertraut hatte: Entwürfe von noch ungehaltenen Reden, die Tuiavii nur für sein eigenes Volk angedacht hatte. Gedanken, die Tuiavii sich machte, als er sich einst auf Reisen in Europa befand und die Welt des Fortschritts kennenlernen wollte - und die er seinen polynesischen Landsleuten kundtun wollte zur Warnung vor den Verrücktheiten des "Weißen Mannes". Im Namen des Häuptlings brachte Scheurmann Dinge zu Papier, die in scheinbarer Einfalt den Nagel auf den Kopf trafen. Er ließ Tuiavii sprechen mit Worten, die an Einfallsreichtum nicht zu überbieten waren, wenn man bedenkt, daß da jemand einem Naturvolk die Zivilisation erklären will. Er schrieb so geschickt, so authentisch naiv, daß die Reden des Südseehäuptlings jahrzehntelang als Originale galten. Im gesamten deutschsprachigen Raum hatte das Buch einen durchschlagenden Erfolg, und schon bald wurde es in viele andere Sprachen übersetzt. Eigentlich war es ein einfacher literarischer Kunstgriff, den Scheurmann benutzte. Fiktive Reiseberichte waren damals nichts Unbekanntes. Doch an diesem Werk zweifelte niemand. Und Erich Scheurmann schwieg. Nach einigen Auflagen geriet "Der Papalagi" in Vergessenheit.

Doch dann geschah etwas, das ihn wie Phönix aus der Asche wiederauferstehen ließ. Die Hippiebewegung entdeckte dieses Büchlein für sich und verehrte die Worte des Häuptlings Tuiavii wie eine Neuoffenbarung. "Der Papalagi" wurde zur Aussteigerbibel, zum Kultbuch der zivilisationsmüden Europäer, die ihrem Alltagsstreß entfliehen und ihren Traum von meditativer Natürlichkeit leben wollten. Der unbestechliche Blick des Urvolkhäuptlings aus Polynesien war naiv und weise in einem. Seine Sprache wirkte wie Zauberworte aus einer anderen Welt, nach der man sich unbewußt schon lange gesehnt hatte. Da das Buch in diesen 1970er Jahren einen so hohen ideellen Wert erlangte und wie ein Sendungsauftrag gesehen wurde, geriet es aber auch nun in das Blickfeld von kritischen Augen. Große Zeitungen wie "Die Zeit" widmeten dem Häuptling jetzt ihre Aufmerksamkeit. Die Ethnobibel der Friedensbewegung wurde auch für Literaturwissenschaftler interessant. Sie setzten ihre Lupe an und Erich Scheurmann geriet in die unangenehme Lage, einiges näher zu erklären. Bei einer Neuauflage 1977 räumte er dann ein, daß er "vieles, selbstverständlich nicht alles ... dem Geist des Polynesiers abgelauscht" habe. Und er gab zu: "So, wie das Buch vorliegt, ist es natürlich zum großen Teil mein Werk".

Harrie Verstappen entdeckte nicht nur, daß "Tuiavii" auf deutsch "Chef" heißt, sondern, daß in der Zeit, in der Scheurmann Samoa bereiste, ein Häuptling namens Agaese in Tiavea lebte. Er erfuhr von Grant McCall von der University of New South Wales, Sidney, Australia, daß Agaese (= Tuiavii) Soldat der deutschen Armee in Samoa und keinesfalls anti-europäisch und anti-fortschrittlich/technisch eingestellt war. Agaese war zudem Christ und hatte nie Europa besucht und beabsichtigte nie Reden an sein Volk zu halten.