Inflation wirkt auf verschiedene Weisen

Auszüge aus dem Roman "Berliner Reigen" von Arthur R.G. Solmssen, Frankfurt am Main, 1986, "Berliner Reigen führt dem Leser in packenden Bildern ein faszinierend-buntes Panorama der Weimarer Republik vor." (Einbandtext).

Auszug 1

Dr. Strassburger legte den Hörer auf, warf sich in seinem Stuhl zurück und atmete heftig aus. "Wie ich höre, wurden Sie soeben Zeuge eines ungewöhnlichen Ereignisses in der deutschen Sozialgeschichte."

Ich muß verdattert ausgesehen haben.

"Sie haben mit erlebt, wie ein Angehöriger unseres preußischen Uradels eine Hypothek komplett und bar bezahlte ..."

"Sie sprechen von Sigrids Bruder?"

Dr. Strassburger zog die Augenbrauen hoch. "Sigrids Bruder? ... Ja natürlich: Sigrids Bruder ... Leutnant von Brühl zu Zeydlitz – wie ich ihn nenne – kam zur Tür herein und bezahlte die komplette Hypothek, die auf dem Besitz seiner Familie draußen in der Mark Brandenburg gelastet hat: ein Schloß, ein paar Bauernhöfe, Wald, ein Dörfchen für die Arbeiter, Stallungen für wer weiß wie viele Pferde, mehrere Tausend Morgen nicht sehr fruchtbaren Ackerbodens ... 1913 gaben wir ihnen ein Darlehen von drei Millionen Mark. Sie brauchten Bargeld, denn sie mußten, so weit ich weiß, einen General, das war der Vater – plus drei Söhne finanzieren, Söhne im Regiment Garde-du-Corps, in dem jeder Offizier mindestens über sechs Pferde, einen Reitknecht, einen Burschen und womöglich über ein oder zwei Damen verfügen mußte. Die Hauptsumme der Hypothek wird erst 1933 fällig, sie bezahlten 4 ½ % Zinsen per annum. Das heißt, sie zahlten Zinsen, bis der Vater 1918 bei einem Autounfall in Frankreich ums Leben kam. Die älteren Söhne – die Kavallerieoffiziere – waren schon alle gefallen. Nur der jüngste Sohn blieb übrig, ging noch auf die Kadettenanstalt.

Drei Millionen zu 4 ½ % Zinseszins ... kein Zins für 1918 ... 1919 ... 1920 ... 1921 ... 1922 ... sagen wir drei Monate des Jahres 1923 ... sagen wir 5 % Vorausbezahlungsbuße ..." Die Feder kratzte Zahlenkolonnen auf das Papier. Er nahm den Telefonhörer ab. "Borgenicht, ist die Brühl-Zahlung berechnet? Na und, wie lautet sie? Danke."

Er hängte ein und lächelte mich doch tatsächlich an. "Ich war ziemlich nahe dran: 3.930.590 Mark. Ungefähr einhundertdreißig Dollar – jedenfalls der Erlös aus Graf Brühls Winterkartoffelernte, den er uns heute Nachmittag brachte – und damit seinen Besitz zum ersten Mal schuldenfrei machte seit ..."

Dr. Strassburger strich sich das Kinn, lächelt noch immer ein wenig ... "seit – wie ich vermute – der erste Herr von Brühl lernte, seinen Namen unter eine Hypothek zu schreiben! Sie sehen, Inflation wirkt auf verschieden Weisen."

S. 291 - 293

Auszug 2

Ein heißer Wind trieb Staub durch die Straßen Neuköllns. Lange Schlangen vor den Geschäften. Jetzt kannte ich den Grund: die Bauern wollten ihre Ernte nicht gegen Papiergeld abliefern. Berlin drohte eine Hungersnot.

S. 315

Auszug 3

"Ich habe keine Ahnung, wie das in Amerika ist", sagte Lilli. "In Deutschland jedenfalls muß ein Mädchen, wenn es heiraten will, etwas in die Ehe mitbringen. Eine Mitgift. Es hängt natürlich von ihrer Stellung ab, doch mitbringen muß sie etwas. Und seit dem Krieg ist es schlimmer geworden, nicht besser, denn es sind so viele Männer gefallen, daß die verfügbaren Männer eine größere Auswahl haben. Zu viele Frauen, nicht genügend Männer. Verstehst du?"

"Sicher."

"Gut, Emma fand einen Mann, sie hatte Glück, sie war nicht besonders hübsch, aber sie arbeitete hart, und dieser Mann – er ist der zweite Sohn eines Bauern, auch irgendwo im Spreewald – wird einen Teil des Hofs bekommen, weil der ältere Bruder gefallen ist, und nächstes Jahr sollte die Hochzeit stattfinden, und Emma hat hier seit ihrem sechzehnten Lebensjahr gearbeitet, ihre Familie besitzt überhaupt kein Geld, es sind sechs Kinder und der Vater ist der Dorfbriefträger ... Also, Emma hat jeden Pfennig ihres Lohns gespart, buchstäblich jeden Pfennig, für ihre Mitgift –"

"O nein!" Während ich das Boot steuerte und durch den dichterwerdenden Nebel spähte, begriff ich.

"O ja! Letzte Woche erhielt Emma einen Brief von der Zweigsparkasse in Nikolassee, sie bedauerten sehr, aber sie müßten ihr Konto auflösen, denn es sei zu klein, um es in ihren Büchern weiterzuführen, und sie legten eine Zahlungsanweisung bei, und Peter, die Briefmarken auf dem Umschlag waren mehr wert als die Zahlungsanweisung! Ihre gesamten Ersparnisse seit dem sechzehnten Lebensjahr!"

"Und was geschah dann?"

"Ja. Du kannst es dir schon denken, nicht? Ihr Jungbauer bedauert fürchterlich, aber er kann sie nicht heiraten, wenn er’s sich nicht ein paar Tiere kaufen kann, und es sieht so aus, als wäre da ein anderes Mädchen, die Tochter eines anderen Bauern ... Kannst du dir Emmas Gefühle vorstellen, in unserem Haus, so wie wir leben, und du bist jetzt immer hier ... O ja, sie alle wissen das ... Was ist los?"

Wir kamen jetzt zur Brücke, und als der Scheinwerferstrahl das Treibholzbündel erfaßte, das sich am rechten Strebepfeiler verfangen hatte, sah ich genau das, was ich zu sehen erwartet hatte, ...

S. 343 f.

Auszug 4

Als wir ins Bankenviertel der Innenstadt kamen, hielt ein Polizist das Taxi an, um eine Lastwagenschlange aus einem Hof auf die Jägerstraße zu dirigieren.

"Sehen Sie sich das an", rief der Fahrer. "Lastwagen voll Geld. Lastwagen voller Banknoten mit neun Nullen hinter der Zahl! Letztes Frühjahr trugen sie da das Geld in Körben raus, Hunderte Träger von jeder Bank und jedem Geschäft drängten sich da drin mit großen Weidenkörben auf dem Buckel, um das Geld wegzuschleppen – aber jetzt schicken sie Lastwagen! Einen Lastwagen pro Tag, um ihre Leute zu bezahlen, und wenn die Leute dann abends in den Laden kommen, kriegen sie für das ganze Geld nicht mal ihr Abendessen!"

S. 353

Auszug 5

Der Oberkellner schien über Bobbys Erscheinen entzückt. Die übrigen Gäste warfen einen Blick auf unsere Abendgarderobe. Bevor man uns etwas brachte, mußten wir bezahlen, mit amerikanischem Geld, aber das war jetzt so üblich; die Preise steigen in dem Zeitraum zwischen Bestellung und Verzehr – sogar mitten in der Nacht.

[...]

Wir waren schon fast zu dicht dran, ehe wir merkten, was los war. Wir saßen alle drei in Bobbys offenem zweisitzigen Bugatti gequetscht, warm eingemummelt gegen die raue Novemberdämmerung. ...

"Seht mal da", sagte Bobby und deutete nach vorn. Vor einer Bäckerei hatte sich eine große Menschenmenge versammelt, Männer und Frauen mit grauen Gesichtern und grauen Kleidern, die mit Papiergeld vollgestopfte Weidenkörbe, Blecheimer und Einkaufsnetze schleppten, so viele Menschen, daß sie auf dem Bürgersteig keinen Platz mehr fanden und beinahe die ganze Straße einnahmen.

In der Bäckerei ging Licht an, die Tür öffnete sich, ein weißgekleideter Bäcker kam heraus, wandte seinen Blick von der Menge, hing ein Schild auf, ging wieder hinein und schloss die Tür. Das Licht erlosch. Eine Frau schrie. Männer brüllten.

"Versuch bloß nicht, da lang zu fahren", sagte ich, als ich mir plötzlich des Anblicks bewußt wurde, den wir boten: der gleißende Chromkühler des Bugatti, der schimmernde blaue Lack, unsere weißen Abendschals und Lili, die mir, eine kleine Fuchsstola um die Ohren gewickelt, auf dem Schoß saß.

S. 374 – 376

Auszug 6

"Aber Stinnes spricht mit zwei Zungen: er sagt, daß er seine Leute weiter beschäftigen will, daß er Deutschlands Produkte billig halten will, damit sie im Ausland mit Erfolg wettbewerbsfähig sind. Das ist prima. Doch gleichzeitig ermutigt er die Reichsbank, immer mehr Geld zu drucken; so wird das Geld jeden Tag weniger wert. Unterdessen borgt er bis zum Äußersten, kauft jede Zeche, jedes Stahlwerk und jede Fabrik auf, die er in die Finger kriegt – das macht er jetzt schon jahrelang –, und dann zahlt er die Anleihen mit Mark zurück, die nur noch ein Bruchteil von dem wert sind, was sie wert waren, als er sie sich lieh. Er hat sich aus der Inflation ein Imperium aufgebaut."

S. 282

Fragen zu den Texten:

  1. In welchem Jahr und in welcher Stadt spielen die Ereignisse?
  2. Woran erkennt man eine große Inflation?
  3. Nennen Sie Beispiele aus den Textauszügen, bei denen Leute von der Inflation profitieren?
  4. Wie erzielen diese Leute ihren Profit?
  5. Zu welchen extremen Zuständen kann eine Inflation führen?
  6. In Auszug 3 geht es um ein Dienstmädchen namens Emma. Beschreiben Sie Emmas Schicksal!

Wen's interessiert:

Über dieses Buch:

Überschäumende Genußsucht und quälender Hunger, lähmende Inflation und schwelender Bürgerkrieg, fieberhafte Aktivität von Bankiers und Politikern, explosive Kreativität bei Malern, Musikern, Dichtern, Theaterleuten; Straßenschlachten und Attentate. In diese Atmosphäre gerät der junge Amerikaner und angehende Künstler Peter Ellis aus Philadelphia. Zufällig hatte er in Paris, wo er Malerei studierte, den gleichaltrigen deutschen Fliegeroffizier Christoph Keith wieder getroffen, dem er als Sanitäter vor Verdun das Leben gerettet hatte, und Keith hatte ihn beredet, mit ihm nach Berlin zu kommen und dort sein Glück zu versuchen. Kein günstigerer Ort auf der Welt, um mit ein paar hundert Dollar sich der Kunst und dem Leben in die Arme zu werfen, als das aufgewühlte Berlin. Der Amerikaner beginnt ein Doppelleben, das irgendwann so überraschend endet, wie es begonnen hat.