Paul A. Samuelson (1915 - 2009) verdeutlicht, warum eine "moderne" Volkswirtschaft ohne Geld nicht auskommt:

"Tausch- und Geldwirtschaft

Ohne Geld wäre unsere gegenwärtige Arbeitsteilung nicht möglich. Trotzdem könnten wir uns eine Tauschwirtschaft vorstellen, wo man ein Gut unmittelbar gegen ein anderes einhandeln würde. In primitiven Kulturen ist es die Regel, daß man tauscht, z. B. Nahrung gegen Waffen; oder daß man seinem Nachbarn beim Hausbau hilft, um später seine Hilfe bei der Feldbestellung zu erlangen. Aber auch in den fortschrittlichsten Industriewirtschaften wird getauscht. Geht man den Dingen auf den Grund und schiebt den darüber liegenden »Geldschleier« beiseite, entdeckt man, daß der Handelsverkehr, der sich zwischen Wirtschaftssubjekten und Völkern abspielt, auf einfache Tauschvorgänge zurückgeführt werden kann...

Der Tausch stellt einen großen Fortschritt ... dar ... Darum sind wir jenen beiden Affenmenschen zu großem Dank verpflichtet, die eines Tags die Entdeckung machten, daß sie sich gegenseitig nützen, wenn jeder jeweils auf etwas verzichtete, um dafür etwas anderes einzutauschen. Trotzdem hat der einfache Tausch so große Nachteile, daß eine hochgradig verfeinerte Arbeitsteilung ohne Einführung einer zweiten großen Verbesserung undenkbar wäre, nämlich den Gebrauch des Geldes.

In allen, mit Ausnahme der primitivsten Kulturen tauschen daher die Menschen nicht Ware gegen Ware, sondern verkaufen die Ware zunächst gegen Geld. Das Geld verwenden sie dann, um die Waren zu kaufen, die sie gern haben möchten. Auf den ersten Blick scheint das die Dinge eher zu komplizieren als zu vereinfachen. Man ersetzt eine Transaktion durch zwei. Gesetzt den Fall, ich hätte Äpfel und wollte Nüsse haben, wäre es dann nicht einfacher, ich tauschte die Äpfel unmittelbar gegen die Nüsse, statt die Äpfel erst zu verkaufen, um dann für das Geld Nüsse zu kaufen?

Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Die zwei Transaktionen sind einfacher als die eine. In der Regel gibt es immer einige Leute, die zu einem bestimmten Preis bereit sind, Nüsse zu verkaufen. Aber es müßte schon ein Zufall sein, jemanden zu finden, der genau den entgegengesetzten Wunsch hegt wie ich selbst, nämlich Nüsse zu verkaufen und Äpfel zu kaufen. [...]

Bei jeder Tausch- oder Geldtransaktion verzichtet man auf etwas, um etwas anderes dafür zu bekommen. Werden 5 Äpfel gegen 25 Nüsse eingetauscht, beträgt der Preis für Äpfel, ausgedrückt in Nüssen, 25 : 5, d. h. 5 : 1 ... Bezahlt man dagegen für 5 Äpfel 25 Cents, beträgt der Preis für Äpfel, ausgedrückt in Geld, 5 Cents je Stück. [...]

Jeder Preis ist also in Wirklichkeit ein Preisverhältnis... Er hängt davon ab, in welcher Weise man zwei Mengen zueinander in Beziehung bringt ...

In der reinen Tauschwirtschaft müßten wir stets eine riesige Zahl von Preisverhältnissen im Auge behalten, nämlich so viele, wie mathematisch Tauschpaare aus der Zahl der verfügbaren Tauschwaren gebildet werden können. Bei 5 verfügbaren Tauschwaren gibt es dann offenbar 10 verschiedene Preisverhältnisse, die man im Kopf haben müßte. [...] Bei 1.000 Warenarten müßten fast 500.000 Preisverhältnisse berücksichtigt werden."

aus: Paul A. Samuelson: Volkswirtschaftslehre. Eine Einführung, aus dem Amerikanischen [nach der dritten Auflage 1955] übertragen und eingeleitet von Dr. Wilhelm Hankel, Köln ²1955 [1958], S. 50 und 52 f.

Im Original:

"Barter versus the use of money

Without the use of money our present division of labor would be impossible. But we could imagine a state of barter, where one kind of merchandise is traded directly for another. In primitive cultures it is not uncommon for food to be traded for weapons or aid in the building of a house exchanged for aid in clearing a field. Even in the most advanced industrial economies, if we strip down exchange to its barest essentials, peeling off the obscuring layer of money, we find that trade between individuals or nations really boils down to barter...

Barter represents a great improvement ... and a great debt of gratitude is owed to the first two ape men who suddenly perceived that each could be made better off by giving up some of one good in exchange for some of another. Nevertheless, simple barter operates under such great disadvantages that a highly elaborate division of labor would be unthinkable without the introduction of a second great improvement – the use of money.

In all but the most primitive cultures men do not trade one good against another but instead sell one good for money and then use money to buy the goods they wish. At first glance this seems to complicate rather than simplify matters, to replace a single transaction by two transactions. Thus, if I have apples and want nuts, would it not be simpler to trade one for the other rather than to sell the apples for money and then use the money to buy nuts?

Actually the reverse is the case. The two transactions are simpler than one. Ordinarily there are always people ready to buy apples and always some will to sell – at a price – nuts. But it would be an unusual coincidence to find a person with tastes just opposite to my own, with an eager desire to sell nuts and buy apples. [...]

In every transaction, whether for barter or money, each person gives something up and receives something in exchange. If 5 apples are traded for 25 nuts, the price of apples in terms of nuts is 25 to 5 or, briefly, 5 to 1 ... Similarly, if 5 apples sell for 25 cents, then the price of apples in terms of money is 5 cents. [...]

Every price is really a price ratio... Each depends upon the way in which the two quantities are measured ...

If we relied completely on barter, we should have to keep in mind a great number of price ratios – as many as the number of pairs that could be formed mathematically from the number of commodities. Thus, for only 5 different goods there would be 10 different price ratios to remember ... For 1,000 commodities, you’d have to remember almost 500,000 price ratios."

aus: Paul A. Samuelson: Economics. An Introductory Analysis, New York – Toronto – London ³1955, S. 46 f. und 49