Schul-Sachen-Verteilerseite Abstraktion
Methoden
und
Verfahren

Unter Abstraktion wird gemeinhin der Prozeß verstanden, der aus dem konkreten Gegenstand [z. B. Ordner oder Sympathie] das Allgemeine, das allen ähnlichen konkreten Gegenständen innewohnende Gleiche herausfiltert.

Beispiel: Wir sehen einen konkreten Tisch und erkennen in ihm seine Funktion, die wir mit dem Begriff "Tisch" belegt haben.

Ein Tisch ist für uns ein Tisch, weil wir bei der Betrachtung eines konkreten Tisches

  • mit vier polierten Stahlbeinen
    [Jeder Tisch besitzt mindestens drei Beine, sonst fällt er um.]
  • oder fein geschnittenen Intarsien in der Tischplatte
    [Jeder Tisch besitzt mindestens eine Tischplatte, sonst könnte z. B. nichts auf ihm abgelegt werden.]
  • oder dem Buchenholz, aus dem er hergestellt wurde
    [Jeder Tisch ist aus mindestens einem Material gefertigt, sonst würde der konkrete Tisch in unserer Wahrnehmung gar nicht existieren.]

usw. absehen und stattdessen eine Beziehung zu unserem Verhalten und Interesse bei der Verwendung des Tisches herstellen. "Wir essen an ihm, arbeiten an ihm, legen Gegenstände auf ihn. Aber für eine Person, die in einer anderen Kultur lebt, in der keine Tische gebraucht werden, mag er ein sehr großer Stuhl, eine kleine Plattform oder ein bedeutungsloses Gebilde sein. Wenn unsere Kultur und Erziehung eine andere wäre, so würde das heißen, daß unsere Welt auch eine andere wäre." (Anatol Rapoport)

Damit rückt die Abstraktion in die Nähe der Aggregation, ist aber doch ganz anders, weil sie die Verallgemeinerung von Eigenschaften konkreter Gegenstände anstrebt, während die Aggregation die Zusammenfassung einer unübersichtlichen Datenmenge zum Ziel hat.

Unterschieden werden zwei Verfahren des Abstrahierens (vgl. Kleines Philosophisches Wörterbuch, Freiburg 1971):

  • die positive Abstraktion (etwas abstrahieren) durch Isolieren und Hervorheben der als bedeutsam erachteten Eigenschaften des konkreten Gegenstands und

  • die negative Abstraktion (von etwas abstrahieren) durch das Weglassen "unwesentlicher" Eigenschaften des konkreten Gegenstands.

Ohne hinreichende Abstraktion könnten keine Modelle konstruiert werden. Häufig bewegen sich einfache Modelle auf einem Abstraktionsniveau, das keine verläßlichen Folgerungen für die Realität mehr zuläßt. Deshalb folgen die Wissenschaftler dem Prinzip der abnehmenden Abstraktion und verbessern Schritt für Schritt die Axiome des Modells.

Trotzdem ist und bleibt die Abstraktion

  • zielgerichtet, denn sie dient immer einem Zweck, der eine Verallgemeinerung der Eigenschaften wünschenswert erscheinen läßt.
    [Im Beispiel: Schnelles Erkennen der Funktion des konkreten Gegenstands "Tisch".]

  • subjektiv, denn die Auswahl der als bedeutsam oder unbedeutend erachteten Eigenschaften der konkreten Gegenstände unterliegt der subjektiven Einschätzung derjenigen, die die Abstraktion durchführen.
    [Im Beispiel: Für einen Tischler besitzt der Tisch neben der üblichen Gebrauchsfunktion und der möglichen künstlerischen Funktion auch die Funktion, durch seinen Verkauf Geld zu verdienen.]

Welche Gefahren sich hinter diesen Eigenschaften der Abstraktion verbergen, wird deutlich, wenn das Verfahren der isolierenden Abstraktion betrachtet wird. Von isolierender Abstraktion wird gesprochen, wenn im Rahmen der Arbeit mit Modellen die sogenannte Ceteris-paribus-Klausel ("unter sonst gleichen Bedingungen") angewandt wird. Gesellschaftswissenschaftliche Modelle wären für die Erkenntnisgewinnung durch Ursache-Wirkungs-Analysen unbrauchbar, würde auf dieses Hilfsmittel verzichtet.

Das Verfahren funktioniert so: Mit Ausnahme der betrachteten Komponente bleiben die übrigen Komponenten des Modells zu einem bestimmten Anfangszeitpunkt unverändert. Wird das System im folgenden Zeitpunkt erneut betrachtet, so ergeben sich in der Regel Veränderungen der übrigen Modell-Komponenten. Jede Veränderung dieser Modell-Komponenten, ist dann notgedrungen eine Wirkung der ursprünglichen Veränderung der einen betrachteten Komponente.

Kann auf diese Weise ein kausaler Zusammenhang zwischen der ursprünglichen Veränderung einer Komponente und deren Wirkung auf andere Komponenten zu einem späteren Zeitpunkt hergestellt werden, dann kann das Modell zu Prognosen und zu Handlungsanleitungen herangezogen werden. Da jedoch reale Gesellschaftssysteme in allen Komponenten ständigen Veränderungen unterliegen, können die vermeintlich kausalen Ursache-Wirkungs-Ketten zu Fehlhandlungen führen.

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