Der Mensch, kein Egoist

Die Wirtschaftswissenschaft entdeckt die Realität - und kommt auf neue Ideen

von Wolfgang Uchatius

Homo oeconomicus nennen die Wissenschaftler den rationalen Menschen, der nur den eigenen Interessen folgt. Er ist die Grundlage aller Lehrsätze. Jetzt wird klar: Die Ökonomen haben sich getäuscht. Der Mensch ist anders! 

 

Mediziner befreiten die Menschheit von Pocken und Pest. Ingenieure erfanden den Kühlschrank und das Auto. Und die Ökonomen? In komplizierten Modellen formulieren sie Gesetze, nach denen die Wirtschaft funktioniert. Kluge Köpfe, denkt man. Dann stürzt Asien in die Krise. Erleben die USA den längsten Aufschwung ihrer Geschichte. Fällt der Euro immer tiefer. Und kaum ein Wirtschaftswissenschaftler hat es kommen sehen. "Wir erleben den ständigen Irrtum", sagt der Grazer Ökonom Heinz Kurz über seine eigene Profession [= Beruf]. Die Wirklichkeit hält sich oft nicht an die ökonomischen Lehrsätze. Wie aber soll sich die Politik dann auf die Empfehlungen der Ökonomen verlassen?

Kein Wunder, daß die Wirtschaftswissenschaft in Bewegung gerät. Als wollten sie ihre Disziplin neu erfinden, beschließen immer mehr Ökonomen von vorne anzufangen: bei den Grundlagen. An zahlreichen Universitäten vor allem im deutschsprachigen Raum entstanden in den vergangenen Jahren Labors, Lehrstühle, Forschungsprojekte und Sonderforschungsbereiche. In Bonn, Berlin, Bielefeld, Magdeburg, Mannheim oder Zürich arbeiten seitdem Wissenschaftler, die auch Ökonomen sind, aber andere als die meisten ihrer Kollegen. Sie nennen sich experimentelle Wirtschaftsforscher.

Zum Beispiel Ernst Fehr, Professor an der Universität Zürich. Aussagen über die Weltwirtschaft darf man von ihm nicht verlangen. "Damit beschäftige ich mich nicht." Statt der großen Fragen interessieren ihn die kleinen. Wie honoriert ein Unternehmer die Leistungen seiner Angestellten? Dreht er einem Kunden schlechte Qualität an, wenn der es nicht merkt? Die Antworten geben experimentelle Wirtschaftsforscher wie Fehr, indem sie die entsprechenden Situationen im Labor simulieren. Es sieht ganz danach aus, als hätten sie so einen Grund für die Unzulänglichkeit der Wirtschaftswissenschaft gefunden. Einen Grund, der banal klingt, und fundamental ist: Die traditionelle Ökonomie hat sich im Menschen getäuscht.

Ökonomische Größen wie Zinsen, Löhne oder Geldmengen bewegen sich nur in zwei Richtungen: nach oben oder nach unten. Weil es aber Menschen sind, die Geld ausgeben und Gehälter beziehen, müssen sich Ökonomen nicht nur mit Zahlen befassen, sondern auch mit Menschen und damit, was Menschen antreibt, wie sich Menschen verhalten und wonach Menschen streben. Als hätten sie Angst gehabt, ob dieser Fragen gar nicht erst zu Zinsen und Löhnen vorzudringen, haben die traditionellen Ökonomen es vorgezogen, sie alle auf einen Schlag zu beantworten. Indem sie eine Annahme trafen. Am Anfang war plötzlich nicht mehr der Mensch, sondern ein theoretisches Konstrukt, der so genannte Homo oeconomicus - die Grundlage der traditionellen Ökonomie.

Der Homo oeconomicus bewegt sich immer nur in eine Richtung: nach oben. Sein Ziel ist, mehr zu bekommen: mehr Geld, mehr Profit [= Gewinn], mehr Lohn. Er folgt nur einem Interesse, dem eigenen, und er ist nicht nur ein kluger Kopf, sondern auch ein kühler. Ein Gedankenspiel [- das Ultimatumspiel -] als Beispiel: Ein Wohltäter trifft zwei Männer. Einem der beiden überreicht er 100 Euro mit dem Auftrag, sie nach Belieben auf sich und den zweiten Mann aufzuteilen. Dieser hat zwei Möglichkeiten: Er nimmt das Angebot des ersten an, oder er lehnt ab. Dann aber, [wenn der zweite Mann ableihnt,] so die Spielregel, nimmt der Wohltäter die 100 Euro wieder an sich, und keiner bekommt etwas. [Der zweite Mann steht die ganze Zeit dabei und wartet gespannt, was geschieht.]

Was wird der erste Mann tun? Wieviel Geld wird er an den zweiten abgeben, und wird dieser annehmen oder ablehnen? Schwere Fragen, die zu simplen werden, wenn man davon ausgeht, bei jedem der beiden Männer handle es sich um einen Homo oeconomicus. Dann nämlich wird der erste Mann 99 Euro für sich behalten und nur einen Euro an den zweiten weitergeben, der das akzeptiert. Daß der andere offenbar ein Geizhals ist, ist ihm egal, ein Euro ist immer noch besser als gar keiner.

Nimmt man an, alle Menschen verhielten sich so, wird die Ökonomie plötzlich einfach. Klarheit entsteht. Es läßt sich vorhersehen, wann Unternehmen Arbeitskräfte einstellen und wann sie welche entlassen, wann die Leute Autos kaufen und wann nicht, ökonomische Gesetze lassen sich formulieren. Zum Beispiel, daß die Höhe der Arbeitslosigkeit von der Höhe des Lohnes abhängt oder daß eine Firma den Preis senken muß, um mehr Produkte abzusetzen. Prognosen lassen sich erstellen.

Außenseiter der Wirtschaftswissenschaften formulierten immer wieder ihr Unbehagen [... über den] Homo oeconomicus. Der Nobelpreisträger Amanya Sen sagte, es gehe gar nicht darum, das Eigeninteresse als eine menschliche Motivation zu leugnen, solange man nur akzeptiere, daß es auch noch andere Antriebskräfte gebe. Den Mainstream [= die beherrschende Meinung der Wirtschaftswissenschaftler] hat solche Kritik selten gestört. "Man hatte sich an den Homo oeconomicus gewöhnt", sagt der Bonner Ökonom und Nobelpreisträger Reinhard Selten - einer der Väter der experimentellen Wirtschaftsforschung und einer der ersten, deren Arbeit für Aufruhr sorgte. Ihm folgten Wissenschaftler wie der Zürcher Ernst Fehr.

Fehr nimmt für seine Experimente gerne Soldaten. Weil die in der Schweiz, wo auch erwachsene und berufstätige Männer regelmäßig in die Uniform schlüpfen, aus allen Schichten und Altersgruppen kommen. Damit sie sich im Experiment nicht anders verhalten als im Alltag, geht es um echtes Geld, das Fehr seinem Budget entnimmt. Zum Beispiel beim sogenannten Ultimatumspiel. Fehr nimmt zwei Männer und stellt dem einen 100 Schweizer Franken zur Verfügung, mit der Auflage, das Geld auf sich und den zweiten Mann aufzuteilen. Der, man ahnt es, kann das Geld annehmen oder die ganze Sache platzen lassen. Wie verhält sich der Homo sapiens? "Der Großteil der Spieler teilt in etwa 50 zu 50, der Großteil der Geschenke von weniger als 30 Franken wird abgelehnt", sagt Ernst Fehr. Die Leute verzichten freiwillig auf Geld, wenn sie sich nicht fair behandelt fühlen. Sie sagen sich: lieber 30 Franken weniger und dafür dem Geizhals einen Denkzettel verpasst. Nach Homo oeconomicus klingt das nicht. Eher nach Homo reziprocans. Reziprokes Verhalten, sagt Fehr, das sei Verhalten nach dem Motto: "Wie du mir, so ich dir".

In seinem Institut hat Fehr nach eigenen Vorstellungen ein Labor eingerichtet. Dort sitzen die Probanden [= "Versuchskaninchen"] an Computerbildschirmen, manchmal mit Sichtblenden, manchmal ohne, manchmal kennen sie sich, manchmal nicht. Sie schlüpfen in die Rolle von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, von Verkäufern und Kunden. Aber immer gilt dabei: Im Mittelpunkt steht echtes Geld. Die Versuchspersonen können Gewinne machen und Verluste. Um den Vorwurf zu entkräften, seine Probanden würden die Spielsituation nicht ernst nehmen, hat Fehr seine Experimente auch in Russland und Indonesien durchgeführt. Dort ging es für die Versuchspersonen um Beträge in Höhe von drei Monatsgehältern. Ihr Verhalten hat das nicht verändert, es war geleitet von sozialen Normen, von Werten, von Reziprozität.

Ernst Fehrs Thema ist vor allem der Arbeitsmarkt. Insbesondere hat er das ökonomische Gesetz getestet, wonach flexible Löhne zu Vollbeschäftigung führen. Demzufolge müsste man, wie von vielen Ökonomen immer wieder postuliert, in Deutschland lediglich die Tarifverträge abschaffen. Dann, so die These, würde die Arbeitslosigkeit verschwinden. So einfach wäre das. Und so wirklichkeitsfremd. Fehr simulierte im Labor Lohnverhandlungen und stellte fest, daß Arbeitslosigkeit auch bei frei ausgehandelten Löhnen bestehen blieb.

Je simpler die Annahmen, desto klarer die Aussagen

Diese Ergebnisse haben Furore gemacht. Nach Einschätzung von Hans-Werner Sinn, dem Präsidenten des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, gibt es keinen Ökonomen der mit 45 Jahren so viele Veröffentlichungen in den besten Fachzeitschriften vorweisen kann wie Fehr. Im vergangenen Jahr erhielt er den Gossen-Preis des Vereins für Socialpolitik.

Spricht man mit traditionellen Ökonomen über die experimentelle Wirtschaftsforschung, gestehen sie oft ein, daß die Annahme des Homo oeconomicus unpräzise sei. Man brauche sie aber, um zu den klaren Aussagen zu kommen, die von ihnen verlangt würden. Tatsächlich haben auch traditionelle Wirtschaftswissenschaftler bei Detailfragen inzwischen Modelle entwickelt, in denen sie von ihrem strikten Menschenbild abrücken. Geht es jedoch um die großen Fragen, kehren sie um der Klarheit willen wieder zu ihm zurück.

Manches deutet daraufhin, daß die Annahme, jeder Mensch sei ein Homo oeconomicus, überhaupt erst deshalb getroffen wurde: weil man dann exakte Thesen formulieren konnte. Der englische Ökonom Francis Edgeworth schrieb Ende des 19. Jahrhunderts, das theoretische Konstrukt des Homo oeconomicus erlaube den Transfer von aus der Mathematik und Mechanik bekannten Methoden auf die Sozialwissenschaften. So wurde die Ökonomie präziser - aber deshalb nicht weniger politisch. Weiterhin gab sie den Regierenden Empfehlungen, ob Löhne erhöht oder Märkte gelenkt werden sollten. Nicht zuletzt aber dank der Annahme des Homo oeconomicus waren die Aussagen jetzt eindeutig. Bis auf wenige Ausnahmen, etwa beim Umweltschutz, gilt: Markt ist gut, Staat ist schlecht. Mindestlöhne und Gewerkschaften verursachen nur zweierlei: Arbeitslosigkeit und Effizienzverlust. Das theoretische Konstrukt hatte praktische Wirkungen.

Die experimentelle Wirtschaftsforschung kann diese Klarheit nicht bieten. Soll die Zentralbank die Zinsen erhöhen oder nicht? Darauf hat sie keine Antwort. Und zeigt damit die Zwickmühle, in der die Ökonomen stecken. Politiker und Medien beklagen falsche Prognosen. Die Fehler liegen womöglich am Menschenbild. Wird dieses revidiert, sind keine exakten Prognosen mehr möglich - und Politik und Medien wieder unzufrieden.

Um das Dilemma zu lösen, ist die experimentelle Wirtschaftsforschung allerdings noch nicht weit genug. Ernst Fehr hat sich bisher fast ausschließlich mit dem Arbeitsmarkt beschäftigt. Andere forschen über Finanz- und Gütermärkte. Auch dort sind Wahrheiten zwar ins Wanken geraten - neue aber nur selten entstanden.

Zum anderen sind sich die Experimentalökonomen untereinander nicht einig. Die einen sehen sich als Revolutionäre, die anderen nur als Verbesserer im Detail, die höchstens die Formulierung der traditionellen Lehrsätze ändern, nicht aber die Aussagen. So haben sie zwar Bewegung in die Ökonomie gebracht. Ob sie aber auch deren Kurs ändern, wird sich erst noch zeigen.


Quelle: http://www.zeit.de/2000/23/Der_Mensch_kein_Egoist [Das Original!]
Die ursprünglich von mir entdeckte Quelle befindet sich nicht mehr im Zugriff. Sie war mit zahlreichen Schreibfehlern behaftet, deshalb habe ich den korrigierten Text hier gespeichert. Dabei habe ich gleich einige hoffentlich erläuternde Anmerkungen und Aktualisierungen (z. B. Euro statt Mark) farblich wie diesen Satz gekennzeichnet eingefügt.